Gideon Algernon Mantell: Entdecker der versunkenen Welt der Landriesenechsen
Von Manfred P. Bläske
Die Paläontologie (die Lehre von den fossilen Lebewesen), einerseits eine geologische, andererseits eine biologische Disziplin, entwickelte sich als wirkliche Wissenschaft erst an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert. Voraussetzung waren die Überwindung des biblischen Schöpfungsdogmas und der zu dieser Zeit erreichte Stand des Evolutionsgedankens. Der Züricher Naturforscher und Stadtoberarzt Johann Jakob Scheuchzer beschrieb im Jahre 1726 den fossilen Riesensalamander von Oeningen noch als Rest eines „Sündfluthmenschen“, doch Leopold von Buch, George Cuvier und andere erkannten Fossilien als ausgestorbene Tierarten, die bestimmten Erdzeitaltern zuzuordnen sind. Die neue Wissenschaft zog ein Heer von Sammlern in ihren Bann, verschieden nach Herkunft, Charakter, Beruf und Lebensstellung. Sie fanden Gefallen und Betätigung an den Fossilien und ihr Fleiß füllte schnell Museen und Bibliotheken.
Der Engländer Gideon Algernon Mantell, ein Sammler aus Leidenschaft, wurde am 3. Februar 1790 als Sohn eines Schuhmachers in Lewes in der Grafschaft Sussex, an der Südküste Englands geboren. Unweit der Stadt erstrecken sich die South Downs, Kreidehügel, die angefüllt sind mit den verwitterten Relikten von Geschöpfen, die vor langer Zeit gelebt hatten und nun das Interesse des jungen Gideon fanden, der sich durch Fleiß, ungewöhnliche Ausdauer und Auffassungsgabe auszeichnete. Sein Vater war Methodist, und so blieb dem Sohn die im englischen Glauben erziehende höhere Schule verschlossen. Nachdem ihm eine alte Frau Lesen und Schreiben beigebracht und ein Freund des Vaters eine kaufmännische Erziehung vermittelt hatte, besuchte Mantell die von seinem Onkel in Swindon gegründete Dissenting Academie for Boys. Fünfzehnjährig fand er in der Heimatstadt eine Lehrstelle beim örtlichen Chirurgen; im letzten Lehrjahr konnte er in London „die Hospitäler durchlaufen“ und mit einundzwanzig Jahren sein Diplom als Mitglied des Royal College of Surgeons erwerben.
Nach Lewes zurückgekehrt, wurde Mantell Partner in der Praxis seines Lehrmeisters. Der Alltag als Landarzt war zermürbend. Noch immer wüteten Typhus-, Cholera- und Blatternepidemien. Zwanzig Pfund pro Jahr erhielt er für die Behandlung der Insassen eines Armenhauses. In den Mühlen und Brauereien gab es Kinderarbeit, Unfälle waren häufig, Amputationen erfolgten ohne Betäubung. Vierzig bis fünfzig Patienten suchte er am Tage auf, und er war ein ausgezeichneter Geburtshelfer, der weit über zweihundert Kinder im Jahr auf die Welt brachte. Während die Müttersterblichkeit in den Spitälern groß war, hatte er in zehn Jahren nur zwei Todesfälle zu beklagen!
Trotz gewaltiger beruflicher Belastung nutzte Mantell jede freie Minute geologisch-paläontologischen Sammelns und Forschens. In London hatte er einen bedeutenden Geologen kennengelernt, dessen Werk und Persönlichkeit ihn tief beeindruckten, nicht zuletzt auch wegen aufrührerischer sozialer Schriften dieses Mannes, der 1794 knapp einer Deportation nach Australien entkommen war. Er war Mitbegründer der Geological Society und zudem ein renommierter Arzt: James Parkinson (1755 – 1842), dessen Name mit der Erstbeschreibung der Paralysis agitans verbunden blieb.
Das Zusammentreffen mit Parkinson und anderen namhaften Geologen ließ Mantells Ehrgeiz Form annehmen, eine systematische Untersuchung der Gesteinsschichten und Fossilien der Grafschaft Sussex durchzuführen. Auch war ihm bekannt, dass die in der Grafschaft Dorset lebende Mary Anning (1799 – 1847) im Alter von zwölf Jahren das vollständige, über fünf Meter lange Fossil des einst im warmen Flachmeer des Unterjura lebenden Ichthyosaurus gefunden hatte. Das beflügelte ihn.
Mantells Fossiliensammlung von Meerestieren aus der älteren Kreidezeit wuchs schnell. Als er seine Forschungen in andere Gegenden ausdehnte, entdeckte er, dass die Fossilien der Sand- und Kalksteinschichten bei Whiteman’s Green ganz anders aussahen. Im Verein mit versteinerten Pflanzen fand er Bruchstücke größerer Knochen und Zähne, deren Abnutzungsspuren auf eine pflanzenfressende Tierart hindeuteten. Zahlreiche Folgefunde belegten schließlich die frühe Existenz einer bis dahin unbekannten landlebenden Riesenechse, die er 1825 der wissenschaftlichen Welt als Iguanodon präsentierte.
1833 zog Mantell nach Brighton; zum Nachteil seiner bisher florierenden Praxis, so dass ihn finanzielle Sorgen zwangen, sein dort aufwändig eingerichtetes Museum mit fast 30.000 Objekten zu verkaufen. Sechs Jahre später verließ ihn seine Frau Mary, die ihm bei der Illustrierung vieler Publikationen geholfen hatte, und Sohn Walter emigrierte nach Neuseeland. Mantell baute in London eine neue Praxis auf, zugleich pflegte er seine Tochter Hannah, die an einer unheilbaren Hüftgelenksinfektion erkrankt war; sie starb 1840. Im Jahr darauf verunglückte Mantell während der Fahrt zu einem seiner Patienten. Als dem Kutscher die Pferde durchgingen, streifte ein Rad seinen Kopf und beim Sturz zog er sich eine schwere Verletzung der Wirbelsäule zu. Trotz ständiger Schmerzen veröffentlichte er in den folgenden elf Jahren zahlreiche bedeutende wissenschaftliche Arbeiten. Am 10. November 1852 stürzte Mantell in seinem Haus die Treppe herab; am folgenden Tag starb er an einer Betäubungsmittelvergiftung.

