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Ein Bärendienst

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

vor drei Jahren hatte ich an dieser Stelle schon einmal von einer Großveranstaltung in der Nürnberger Arena berichtet (s. KVS-Mitteilungen 3/2008). Bereits damals hatte Herr Hoppenthaller mit der kollektiven Zulassungsrückgabe der bayerischen Hausärzte gedroht und ein „Korbmodell“ initiiert. Dieses ist dann im Sande verlaufen und das Ergebnis wurde nie richtig bekannt.

Anschließend hatte er zuerst die Bayerische Staatsregierung und in der Folge die AOK Bayerns und dann die anderen Kassen in einer beim besten Willen nicht subtil zu nennenden Art und Weise erpresst. Die Erpressten haben so reagiert, wie man es üblicherweise gerade nicht tut, nämlich mit Nachgeben. Alles Weitere war dann mehr oder weniger folgerichtig. Ein erster Widerstand wurde erst von der Bundesregierung geleistet, aber noch mit viel Gegenwind aus der Münchner Staatskanzlei.

Nach nun doch deutlicher Positionierung von bayerischer Landesregierung und Krankenkassen hat die Ausstiegsveranstaltung des Bayerischen Hausärzteverbandes am 22.12.10 für diesen wie erwartet mit einem Desaster geendet.

Leider aber nicht nur für diesen. Die Drohung des Ausstiegs aus dem System konnte bisher vielleicht Kassen und Politik doch ein wenig daran hindern, allzu arztfeindlich zu agieren. Dies hat sich nun geändert und jedem ist sicher bewusst, dass ein Ausstiegsszenario ab sofort und für die nächsten Jahre oder auch Jahrzehnte in ganz Deutschland und für alle Arztgruppen völlig illusionär ist. Dafür den Beweis erbracht zu haben, ist der klare Verdienst von Herrn Hoppenthaller. Ein klassischer Bärendienst!


Wie begründet war denn aber diese Machtprobe?


Die bayerischen Hausärzte haben bisher (schon ohne Berücksichtigung der Selektivverträge!) deutschlandweit mit die höchsten GKV-Fallwerte. Ein vorsichtig ausgedrückt „unglückliches“ Agieren der KV Bayerns hat allerdings zusätzlich die Frustration geschürt, was die Verantwortung von Herrn Hoppenthaller für die Eskalationsstrategie jedoch kaum mindert. Hier ein paar Fakten: Auf einen Hausarzt kommen in Sachsen 1.586 Einwohner, in Bayern 1.420. Das Durchschnittsalter der Bevölkerung beträgt in Sachsen 47,4 Jahre, in Bayern 43,2. Auch auf dem Lande ist der Anteil der Privatpatienten in Bayern erheblich höher als in Sachsen, in den Städten ist der Unterschied noch deutlicher. Man muss sich argumentativ dann schon entscheiden, ob man einen Ärztemangel beklagt, oder aber ein zu geringes GKV-Honorar (wegen einer geringeren Patientenzahl als z.B. in Sachsen). Beides zusammen passt eher schlecht.

Insgesamt wurde die Situation durch die bayerischen Hausärzte keineswegs als „revolutionär“ eingeschätzt, auch wenn die Verbandsführung hier offensichtlich eine andere Wahrnehmung hatte.


Was bleibt nun nach diesem Scherbenhaufen zu tun?


Auch wenn der „Ausstieg“ gescheitert ist, haben doch fast 40% der bayerischen Hausärzte ein ganz gravierendes Problem mit ihrer derzeitigen beruflichen Situation und höchstwahrscheinlich sieht das deutschlandweit kaum anders aus. Wer ein gegliedertes Gesundheitssystem mit einer starken hausärztlichen Basis befürwortet, kann deshalb nun nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Natürlich muss man die vom bayerischen Hausarztverband vorgebrachten Argumente erst einmal sehr deutlich differenzieren.

Auch wenn vieles völlig absurd und überzogen war, wurden doch auch sehr berechtigt Probleme angesprochen, die deutschlandweit bestehen (wenn auch in Bayern mit am wenigsten ausgeprägt). So ist es nun einmal unbestrittene Tatsache, dass sich ein immer geringerer Anteil der Absolventen für die hausärztliche Weiterbildung entscheidet. Hier mag zwar auch manche unbedachte Äußerung von Verbandsfunktionären über die vorgeblich geringe Attraktivität dieses Berufsfeldes mitgewirkt haben, aber wir haben hier ein wirklich großes Problem, das droht, sich in absehbarer Zeit als nicht mehr beherrschbar darzustellen. Insofern gibt es für mich eine ganz klare Forderung an die Politik und auch an die GKV.

Es wäre jetzt absolut unangebracht, öffentlich Häme zu zeigen und auch die berechtigten Anliegen der Hausärzte zu ignorieren. Ambulante Versorgung ohne Hausärzte wäre sicher nicht gerade ein Sparmodell. Vielleicht gibt es auch außerhalb von Selektivverträgen (deren Zenit wahrscheinlich überschritten ist) Möglichkeiten, die Wertschätzung hausärztlicher Tätigkeit nicht nur durch Lippenbekenntnisse zu bekunden und den Beruf wieder attraktiver zu machen. Es gibt dafür schon Ideen und ich will mich persönlich gern darin einbringen, diese zu entwickeln. Erste Bedingung dabei muss aber sein, dass keinerlei zusätzliche Bürokratie entsteht. Zum Nulltarif wird das zwar für die Kostenträger nicht ausgehen, aber es gibt ja noch Lösungen, die zwischen der Forderung des bayerischen Hausarztverbandes und dem Niveau der KV-Vergütung liegen.

Sollte man jetzt aber solche Gedanken total ablehnen, könnte der Sieg der Vernunft in Nürnberg recht bald zum Pyrrhus-Sieg werden.

Mit freundlichen Grüßen
und auch von mir noch allen guten Wünschen für 2011

Sig. Dr. Klaus Heckemann





Ihr Klaus Heckemann

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