Begründer der Zytologie: Vor 200 Jahren wurde Theodor Schwann geboren
Von Manfred P. Bläske
Der englische Botaniker Robert Brown, Kustos am Britschen Museum, brachte von einer Reise mit dem Australienforscher Matthew Flinders (der den Namen „Australia“ in die Geographie einführte) nicht nur eine stattliche Pflanzensammlung von 4.000 Arten nach London, er war auch Entdecker der Gymnospermie, der Brownschen Bewegung und des Zellkerns im Jahr 1831. Auf einer Europareise kam er mit dem deutschen Botaniker Matthias Jakob Schleiden zusammen, der sich bereits mit der mikroskopischen Untersuchung von Zellinhaltskörpern befasste und 1838 unter Browns Einfluss zu der Überzeugung gelangte, dass die Zelle Ausgangspunkt jeder Pflanzenentwicklung ist. Aus diesem Postulat und gleichartigen Beobachtungen an tierischem Gewebe entwickelte Theodor Schwann 1839 die einflussreiche Zellenlehre.
Geboren wurde Theodor Schwann am 7. Dezember 1810 in Neuss als Sohn des Buchhändlers Leonard Schwann, der 1821 die Schwannsche Verlagsbuchhandlung und Druckerei in Düsseldorf gründete. Theodor besuchte das Progymnasium in Neuss und das Marzellengymnasium in Köln. Sein Medizinstudium begann er zunächst in Bonn, wo er Schüler des Physiologen Johannes Müller*) wurde. Nach weiteren naturwissenschaftlichen und philosophischen Studien in Würzburg ging er zum Abschluss seines Studiums 1833 nach Berlin, wohin ihm Müller als Professor der Anatomie bereits vorausgegangen war.
Nach dem Staatsexamen wurde er zweiter Prosektor an Müllers Institut. Diese bescheidene, mit sage und schreibe zehn Talern dotierte Stellung ließ ihm jedoch Zeit und Muße zu grundlegenden Untersuchungen. Schwann entwickelte in den nächsten fünf Jahren einen geradezu beängstigenden Krevativitätsschub.
*) s. KVS-Mitteilungen Heft 6/2001, S. 14
Jede der folgenden epochemachenden Forschungen, die alle in diesen vergleichsweise kurzen Zeitraum fallen, hätte bereits für sich allein seinem Namen einen Platz in der Wissenschaftsgeschichte gesichert.
Von Müller empfing er die Anregung zu seiner Doktordissertation, in der er als Vorläufer der modernen Biochemie nachwies: Sauerstoff ist für die Entwicklung des Embryos unabdingbar. – Indem Schwann den gleichen Gedankengang auf die alkoholische Gärung und die Eiterbildung anwandte, schlussfolgerte er: Diese biologischen Prozesse kommen durch lebende Organismen zustande. – Lange vor Pasteur beschrieb er die organische Natur der Hefe und entdeckte: Die Hefepflanze führt die Gärung herbei. – Schwann wies das Pepsin im Magensaft nach und beschrieb dessen Rolle im Protein-Katobolismus. – Als Physiologe war er einer der ersten, die konsequent physikalisch-mathematische Methoden erprobten. In seinem berühmten Fundamentalversuch wies er nach: Die Spannung eines kontrahierenden Muskels hängt entscheidend von seiner Länge ab. – Als Anatom beschrieb er unter anderem die Fibrillen in den Dentinkanälchen der Zähne, die heute als Tomessche Fasern bezeichnet werden.
In den folgenden Jahren wandte Schwann seine Aufmerksamkeit der mikroskopischen Untersuchung der Entwicklung von Froschembryonen zu, was dann 1839 zu jener bahnbrechenden Publikation führte, die als legendäre Nr. 176 ein Glanzlicht in Ostwald´s Klassikern der exakten Wissenschaften bildet. – Mayers Gesetz über die Umwandlung der Energie, Darwins Evolutionstheorie und die Entdeckung der pflanzlichen und tierischen Zelle durch Schleiden und Schwann sind die drei großen wissenschaftlichen Leistungen im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts, die die Kenntnis vom Zusammenhang der Naturprozesse mit Riesenschritten vorangetrieben haben.
Schwann folgte 1839 einem Ruf an die Universität Löwen, zehn Jahre später übernahm er in Lüttich den Lehrstuhl für Anatomie und Physiologie, den er bis zu seiner Emeritierung 1880 innehatte. Dort blieb der vielfach Geehrte und Hochdekorierte trotz verschiedener Rufe an deutsche Universitäten.
Der Zeit seines Lebens unverheiratete Theodor Schwann erkrankte Weihnachten 1881 und verstarb bei seinem Bruder in Köln.

