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„Un Souvenir de Solférino“ - Vor 100 Jahren starb Jean Henry Dunant, der Gründer des Roten Kreuzes

Von Manfred P. Bläske

 

Schon vor der Gründung des Roten Kreuzes bemühten sich weltweit Ärzte um eine „Neutralisierung verwundeter Feinde“. In Deutschland forderte J.L. Schmucker, Generalchirurg im Siebenjährigen Krieg, den Schutz von Spitälern; B.C. Faust setzte sich in zahlreichen Schriften für die humane Behandlung verwundeter Feinde ein; der preußische Generalarzt A.F. Wasserfuhr verlangte, verwundete Soldaten als Nichtkombattanten zu behandeln. In der Schweiz erwarb sich im „Sonderbundkrieg“ der Arzt J.C. Meyer-Hoffmeister große Verdienste um die Organisation der Verwundetenpflege und Napoleons Generalinspekteur des Gesundheitswesens, der Chirurg J. D. Larrey, entwickelte erste Prinzipien einer militärischen Notfallmedizin, die auch dem Gegner half. In allen Bestrebungen kam eine humane Gesinnung zum Ausdruck, die durchaus zu lokalen jedoch meist zeitlich begrenzten Erfolgen führte. Eine international abgestimmte und letztlich völkerrechtlich verbindliche Regelung kam erst auf den Weg, als 1862 ein Buch des Schweizer Geschäftsmannes Henry Dunant in Europa Aufsehen erregte: Eine Erinnerung an Solférino.

 

 

Jean Henry Dunant wurde am 8. Mai 1828 als Sohn eines reichen Genfer Patriziers geboren. Die calvinistischen Eltern engagierten sich in Genf politisch und sozial: der Vater in der Stadtverwaltung für Waisen und Vorbestrafte, die Mutter vor allem für Arme und Kranke. Sohn Henry wurde bereits als Schüler Mitglied einer philantropischen Gesellschaft, die Greise, Kranke und Strafgefangene betreute. Seine geistige Haltung war geprägt von den Gedanken des „Second réveil“, jener großen Erneuerungsbewegung innerhalb des Protestantismus, die im 18. Jahrhundert in England und Schottland entstanden war und in Genf viele Anhänger gefunden hatte. Deren Forderung, Werke der Barmherzigkeit lediglich aus religiösen Motiven zu tun, war für den jungen Dunant Grund, sich 1851 mit Altersgenossen zu einem Bund zusammenzuschließen, der sich als „Christlicher Verein junger Männer“ (CVJM) im Verlauf einiger Jahrzehnte weltweit ausbreitete. Nach einer kaufmännischen Ausbildung in einem Genfer Bankhaus unternahm Dunant größere Reisen in Sizilien und Nordafrika.

 

Über seine Erlebnisse in Tunis veröffentlichte er 1858 eine „Notice sur la Régence“, in der er auch die Lage der Sklaven in Afrika und Amerika geißelte. Dunant war dabei stark von Harriet Beecher-Stowe (1811 – 1896) beeinflusst, deren 1852 erschienenes Buch „Onkel Toms Hütte“ in der ganzen Welt für Betroffenheit sorgte.

 

Mit einem Freund gründete Dunant eine Kolonialgesellschaft und eine Mühlengesellschaft, die in Algerien Landkonzessionen erhielten. Um Napoleon III. für seine Unternehmungen zu interessieren, reiste Dunant 1859 nach Oberitalien, wo sich der Kaiser bei seinen Truppen aufhielt, die auf Seiten Piemont-Sardiniens gegen die Österreicher kämpften, von denen das heutige Italien zu großen Teilen besetzt worden war. Auf der Suche nach Napoleon erreichte Dunant am 24. Juni die kleine Stadt Castiglione, die im Mittelpunkt der Kämpfe um Solferino lag. Die Schlacht endete zugunsten Napoleons und Castiglione wurde zum Hauptsammelplatz der Verwundeten, die auf Straßen, in und vor Kirchen oder auf freiem Felde ihrem Schicksal ausgeliefert waren.

 

Ein Treffen mit dem Kaiser kam nicht zustande. Statt dessen fand sich Dunant auf einem Schlachtfeld wieder, das 33.000 Tote gefordert und über 6.000 Verletzte hinterlassen hatte. Da wuchs der sensible Dunant über sich selbst hinaus; an der Seite von wenigen Ärzten leistete er nicht nur fast übermenschliches beim Reinigen von Wunden und Anlegen von Verbänden bei zahllosen Verwundeten, er erwies sich auch als hervorragender Improvisator, der mit den Frauen von Castiglione und ausländischen Reisenden, die sich zufällig im Ort befanden, einen freiwilligen Pflegedienst organisierte, der Tausenden bestmögliche Hilfe zuteil werden ließ. Dunant achtete darauf, dass alle Verletzten, ohne Rücksicht auf ihre Nationalität, mit gleicher Aufmerksamkeit gepflegt wurden. „Alle sind Brüder“ rief er aus, als er bemerkte, dass verwundeten Österreichern mit Unwillen begegnet wurde. Als der Mann in Weiß, wie er wegen seines hellen Reiseanzuges genannt wurde, lebte er im Gedächtnis vieler Opfer und Helfer weiter. Für ihn selbst wurden die Ereignisse von 1859 zum Schlüsselerlebnis für die Idee, eine internationale Hilfeorganisation für Verwundete zu gründen, neutral und unter dem Zeichen eines roten Kreuzes auf weißem Grund.

 

Noch vom Kriegsschauplatz aus gelang es Dunant, durch Berichte an Genfer Freunde beträchtliche Unterstützung seines Hilfswerkes für die Verwundeten zu erhalten. Nach der Rückkehr aus Italien begann er an seinem Buch zu schreiben, das gleich nach Erscheinen im Jahre 1862 durch die erschütternden Schilderungen des Kriegs- und Verwundetenelends auch in den europäischen Regierungen für Aufsehen sorgte, zumal es Dunant dort führenden und einflussreichen Persönlichkeiten selbst überreichte. Der Erfolg dieses Buches bahnte den unablässigen Bemühungen Dunants den Weg, die 1864 durch den Abschluss der Genfer Konvention gekrönt werden sollten.

Bildnis von Jean Henry Dunant
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