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Hausärztliche Versorgung in Sachsen gesichert: Schreckensszenario einiger Verbandsfunktionäre unverantwortlich

„Es ist grotesk und unverantwortlich, wenn führende Protagonisten des Bundesverbandes der Deutschen Hausärzte (BDA) das Gespenst eines möglichen Zusammenbruchs der hausärztlichen Versorgung heraufbeschwören und dabei sogar Todesfälle prognostizieren.“ Das ist die empörte Reaktion von Dr. Klaus Heckemann, Vorstandsvorsitzender der KV Sachsen, auf die von der BDA-Spitze in diesen Tagen mit markigen Worten angekündigten Proteste als Reaktion auf die von Gesundheitsminister Rösler vorgelegten Eckpunkte der Gesundheitsreform. Es spricht auch für sich selbst, wenn insbesondere die süddeutschen Hausarztfunktionäre Praxispleiten ankündigen, denn jeder weiß, dass dort die höchsten Honorare gezahlt und auch noch nennenswerte Privateinnahmen erzielt werden.

„Die übergroße Mehrheit unserer Hausärzte in Sachsen distanziert sich von der Panikmache der führenden Vertreter des Hausärzteverbandes, die lediglich dazu führt, Patienten massiv zu verunsichern und das Arzt-Patienten-Verhältnis nachhaltig zu beschädigen“, weiß Dr. Heckemann, der selbst Hausarzt ist, aus vielen Gesprächen. Er betont: „Meinen Kolleginnen und Kollegen geht es auch in Zukunft in erster Linie darum, ihre Patienten wie bisher in anerkannt hoher Qualität zu versorgen. Sie fühlen sich verunglimpft, wenn sie jetzt, noch dazu in der Urlaubszeit, für Praxisschließungen oder gar die Rückgabe ihrer Zulassung instrumentalisiert werden sollen.“

Die KV Sachsen vertritt per gesetzlichen Auftrag ca. 3.000 Hausärzte im Freistaat. „Auch unter den schwierigen Budgetbedingungen ist es bei allen Problemen bisher möglich gewesen, eine stabile, qualitativ hochwertige, hausärztliche Betreuung der Bevölkerung zu leisten“, resümiert Dr. Heckemann. Dazu gehöre natürlich eine vernünftige Honorierung der Hausärzte. „Immerhin ist es gelungen, einen gesonderten Honoraranteil für Hausärzte und speziell im vergangenen Jahr für Sachsen eine Honorarerhöhung durchzusetzen.“ Damit liege man aber immer noch erst bei ca. 94% des vergleichbaren Honorars in den alten Bundesländern und werde sich auch als KV weiter für Honorarverbesserungen stark machen, aber nicht, wie Dr. Heckemann abschließend unterstreicht, „mit brachialer Gewalt und auf dem Rücken der Patienten.“



V.i.S.d.P.: Dr. med. Klaus Heckemann
Vorstandsvorsitzender der KV Sachsen
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Diabetologische Versorgung russischer Migranten in Sachsen

In sächsischen Diabetes-Schwerpunktpraxen dominieren aus der Gruppe der Migranten die Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion. Diese Situation stellt neue Ansprüche auch an die medizinische Versorgung.


Statistische Beschreibung

In Deutschland liegt der Ausländeranteil bei 8,9%. Die größte Gruppe ausländischer Nationalität stellen mit ca. 26% Türken dar (1).

In Sachsen beträgt der Ausländeranteil 2,7% der Bevölkerung (2). Etwa 37% davon kommen aus den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion (3).




Da für Sachsen eine beschreibende Statistik nicht ausreichend vorhanden ist, wird zunächst in einigen Aspekten auf Daten der Bundesrepublik zurückgegriffen.

Russische Migranten bilden eine heterogene Gruppe. Sie unterteilt sich in Spätaussiedler, deren Familienangehörige (meist native Russen, Kasachen oder Ukrainer) und jüdische Zuwanderer sind. Nur ca. 24% der Spätaussiedler hatten eine deutsche Herkunft im Sinne des Bundesvertriebenen- Gesetzes. Der größte Anteil dieser Gruppe waren Ehegatten und Kinder der Spätaussiedler (1).

Bei jüdischen Zuwanderern ist eine andere Situation ersichtlich. Ihre Aufnahme in Deutschland erfolgt ohne zahlen- oder zeitmäßige Limitierung. Die Anzahl ist jedoch weitaus geringer als die der Spätaussiedler (4).

Allerdings geben diese Zahlen keinen realistischen Überblick über die tatsächlich in Sachsen lebende Zahl russischer Zuwanderer. Spätaussiedler deutscher Herkunft wurden zwar bei ihrem Zuzug nach Sachsen als solche erfasst, in weiterführenden Statistiken jedoch als deutsche Staatsbürger geführt.

Nach einer gesetzlich vorgegebenen Zeit bestand für viele Zuwanderer die Möglichkeit der Einbürgerung. Genaue Zahlen der Menschen mit russischem Migrationshintergrund existieren nicht.



Diabetes mellitus

Der Gesundheitszustand von Zuwanderern wird bei der Einreise nach Deutschland statistisch nicht erfasst. Es ist deshalb problematisch, eine Zustandsbeschreibung hinsichtlich unterschiedlicher Erkrankungen zu geben.

Der besondere Fokus dieser Arbeit liegt auf der Erkrankung an Diabetes mellitus. Im „Diabetes-Atlas“, 4. Ausgabe 2009, beschreibt die Internationale Diabetes-Föderation (IDF) die Prävalenz des Diabetes in vielen Staaten der Welt. Erfasst wurden Menschen im Alter von
20 – 79 Jahren, die an einem Typ 1- oder Typ 2-Diabetes erkrankt waren. Für die Russische Föderation als eines der Herkunftsländer der Migranten wird in dieser Publikation die Diabetes-Prävalenz mit 9,0% angegeben. Für die ukrainische Bevölkerung benennt die IDF eine Prävalenz von 9,8% (5). Allerdings vermutet Shpilko, dass auf Grund der mangelhaften medizinischen Versorgung ca. 50% der Fälle nicht diagnostiziert sind (6).



Integration, Sprache und medizinische Behandlung


Migranten haben viele Hürden zu überwinden: realistische und vermeintliche. Ihnen die Hindernisse in der medizinischen Versorgung und Beratung bei Diabetes mellitus zu reduzieren, soll das Anliegen eines Projektes sein. Dieses Konzept sieht vor, Migranten wohnortnah in Kleingruppen zum Thema Diabetes zu beraten.

Vielen Hausärzten ist z.T. die Möglichkeit der Diabetes-Beratungen auch bei russischen Patienten unbekannt. Zumindest sollte diese den von russischen Migranten überwiegend kontaktierten Hausärzten offeriert werden. Auch könnte das Angebot erstellt werden, betroffene Menschen in den Praxen der Hausärzte in Gruppenschulungen zu beraten, so räumliche Gegebenheiten das zulassen. Günstig wäre dafür eine ausgebildete russischsprachige Diabetesassistentin oder -beraterin, ggf. auf freiberuflicher Basis.

Jüdische Zuwanderer und Angehörige von Spätaussiedlern aus der ehemaligen Sowjetunion müssen bei Antragstellung auf Einreise nach Deutschland definierte Grundkenntnisse der Deutschen Sprache nachweisen (4, 7).

Trotz der auch nachfolgend zwingenden Integrationskurse in Deutschland sind das Sprachverständnis und die Ausdrucksmöglichkeit in deutscher Sprache sehr begrenzt.

Eigene Erfahrungen zeigen Hindernisse bei der Form der Einzelberatung auf, zu denen oft Familienangehörige oder nicht-professionelle Dolmetscher mitgebracht werden. Zum einen könnten Bedeutungsinhalte semantisch unbewusst falsch übersetzt werden. Zum anderen wurde ein Selektionsverhalten der Angehörigen oder Dolmetscher erlebt: Themenschwerpunkte wurden anders oder gar nicht weiter gegeben, um den Menschen vor vermeintlich unangenehmen oder psychisch belastenden Tatsachen zu schützen.

Um eine fach- und sachgerechte Beratung der russischen Migranten zu ermöglichen, wird eine gute Übersetzung der Beratungsinhalte benötigt.

Auch sind das subjektive Krankheitserleben und die persönlichen Ressourcen zumindest bei jüdischen Zuwanderern andere, als es von deutschen Patienten bekannt ist (8).



Beratung bezüglich Diabetes mellitus


Es ist von der sozial-psychischen Sichtweise von Gesundheit und Krankheit der Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion ein ungewöhnlicher Schritt, sich in Form einer Patientenberatung mit der eigenen Erkrankung auseinander zu setzen (18). Eine partizipative Therapieentscheidung ist aus dieser Sicht ungewöhnlich. Trotzdem ist die Therapie-Adhärenz wahrscheinlich gering. Nahrungsergänzungsmittel stehen hoch im Kurs und haben von Seiten der Migranten eine sehr viel höhere Wertigkeit (8). Betroffene Menschen dieser Bevölkerungsgruppe sollten deshalb mit ihren Vorstellungen von Krankheit und Gesundheit akzeptiert und die Sinnhaftigkeit in eine Beratung bezüglich Diabetes mellitus integriert werden.

In Chemnitz hat sich in diesen Tagen eine Selbsthilfegruppe russischer Migranten, die von Diabetes mellitus betroffen sind, gegründet.

Diese Menschen treffen sich derzeit am 1. Montag des Monats in der jüdischen Gemeinde. Sie steht allen russisch sprechenden Menschen offen.


PS: Literaturliste über die Autorin erhältlich (die Redaktion)


Sigrun Simolka Diabeteswissenschaftlerin
(Master in Diabetes Care/ M.Sc.)/ Diabetesberaterin DDG Diabetesschwerpunktpraxis Mederacke/Dr. Graupner
Flemmingstrasse 2g, 09116 Chemnitz,
Tel.: 0371/ 336 74 77
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Röslers Reform ist besser als ihr Ruf

Berliner Morgenpost, 22.09.2010, Kommentar von Ulrich Exner


(ots) „Klar, jetzt kann man wieder auf den Gesundheitsminister draufhauen. Von links, von rechts, von oben, von unten. Immer feste druff. Jeder hat schließlich was zu meckern am neuen Gesundheitsreförmchen, sogar die eigenen Leute. Zu zimperlich, zu ungerecht, zu arbeitnehmerfeindlich, zu arbeitgeberfeindlich, zu ärztefreundlich, zu bürokratisch, zu, zu, zu.

Stimmt wahrscheinlich alles. Und genau darum liegt der Verdacht nahe, dass Philipp Rösler seine Sache unterm Strich und zum Teil gegen seinen eigenen, sehr viel ungestümeren Willen gar nicht so schlecht gemacht hat. In der Gesundheitspolitik, die zu Recht vermintes Terrain ist, sind die legendären merkelschen Trippelschritte nämlich allemal die richtige Gangart. Wer hier den großen Wurf einfordert oder ankündigt, geht zumindest das Risiko ein, spielerisch mit Leben und Wohlergehen kranker Menschen umzugehen.

Mal eben das System umzudrehen, und sei es auch vom Kopf auf die Füße, verbietet sich. Umsicht ist angesagt, Vorsicht, Sorgfalt und Finanzierungssicherheit.

Jeder, der bei uns krank wird, muss sicher sein, dass alles getan wird, um genau dieses eine Leben möglichst lange zu erhalten, um genau diese eine Krankheit möglichst schnell in den Griff zu bekommen. Dieses, aus dem Artikel zwei Absatz zwei des Grundgesetzes abzuleitende Recht jedes Einzelnen ist teuer, keine Frage, aber es zu erhalten und in die jeweilige Wirklichkeit umzusetzen, muss oberstes Ziel jeder Gesundheitspolitik sein. Deshalb ist es zunächst einmal richtig, dass Röslers Gesetz beides macht. Es sichert kurzfristig die Finanzierung der gesetzlichen Krankenversicherung, und es stellt sie langfristig auf ein zweites Bein.

Das behutsame Umsteuern von einer reinen Beitragsfinanzierung auf eine Mischfinanzierung aus Beitrag und Prämie (Zusatzbeitrag) ist richtig, nötig und Voraussetzung dafür, die gesellschaftliche Akzeptanz des staatlichen Gesundheitssystems dauerhaft zu erhalten. Die Abkehr von der bisher üblichen Regelung, nach der die Sozialkosten des Gesundheitssystems allein von den gesetzlich Versicherten und den Arbeitgebern getragen werden, war insofern überfällig.
Eine Steuerfinanzierung ist da allemal die gerechtere Lösung. Zu ihr, das vergessen die Rösler-Kritiker gerne, werden auch die Privatversicherten beitragen.

Allein für diese kleine, aber doch prinzipielle Kurskorrektur hat sich Röslers Reform gelohnt. Darüber hinaus lässt sich natürlich bombig darüber streiten, ob der Gesundheitsminister Ärzte, Krankenkassen, Pharma-Konzerne, Krankenkassen und Apotheken ausreichend kurzgehalten hat mit seinen finanziellen Maßgaben. Wer immer aber an dieser empfindlichen Stelle rigidere Methoden empfiehlt, möge sich zurückhalten, wenn demnächst mal wieder einem übernächtigten Chirurgen ein Kunstfehler unterläuft, Oma im Krankenhaus eine Stunde auf die Schwester warten muss oder eine Hausarztpraxis dichtmacht.“



Nachdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors.
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