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„Engel der Barmherzigkeit“ – Florence Nightingale: Vor 100 Jahren starb die Gründerin der modernen Krankenpflege

Von Manfred P. Bläske

 

Das 19. Jahrhundert gilt als das „Jahrhundert wissenschaftlicher Entdeckungen und epochaler Fortschritte in der Medizin“. Es war zugleich die Zeit der Frauenemanzipation, in der Florence Nightingale lebte und wirkte, eine Zeitgenossin von Darwin und Huxley; von Morton und Simpson, die mit der Benutzung von Äther und Chloroform die Anästhesie begründeten; von Pasteur und Semmelweiß, dem „Retter der Mütter“. Lister führte die Antiseptik ein, Koch fand den Erreger der Tuberkulose, Löffler den Diphtheriebazillus. – Zur gleichen Zeit prosperierten die Sozialwissenschaften, und in der Nachernte der industriellen Revolution regte sich das öffentliche Gewissen gegenüber Armen, Kranken und Gefängnisinsassen, deren Leben nichts galt. Es wuchs die Anteilnahme am Schicksal Kriegsverwundeter, denen sich Florence Nightingale im Krimkrieg der Jahre 1853 bis 1856 zuwandte. Bereits drei Jahre vor ihrem Tode wurde während des Londoner Weltkongresses der Rotkreuzgesellschaften im Juni 1907 einstimmig der Überzeugung Ausdruck verliehen, dass Florence Nightingales Tätigkeit der Anfang der Rotkreuzarbeit gewesen ist.

 

Florence Nightingale wurde am 12. Mai 1820 in Florenz geboren und auf den Namen der Stadt getauft. Sie war die zweite Tochter eines sehr begüterten und unabhängigen, sprachkundigen englischen Gutsbesitzers auf Embley Park in Hampshire, der sich mit seiner Familie oft große Reisen und lange Aufenthalte im Ausland leisten konnte. Er war vielseitig interessiert, und Florence erfuhr eine ausgezeichnete Bildung, die ihr jenen weiten Horizont öffnete, den sie ihr Leben lang bewahrte. So erkannte die Heranwachsende nicht nur die Banalität ihrer „standesgemäßen“ Umwelt, die stumpfsinnige Vergnügungssucht in den Salons, sondern bald auch das Elend der englischen Fabrikarbeiter, die Gleichgültigkeit gegenüber Armen. Für die tiefgläubige Florence war Glaube kein Selbstzweck, sondern Ausdruck humanitären Handelns. Und als ihre Großmutter und ihre alte Kinderfrau erkrankten, übernahm sie selbst – in ihren Kreisen durchaus nicht üblich – deren Pflege und kümmerte sich zudem um die Armen und Kranken im Dorfe. Dabei gewann sie die Einsicht, dass eine gute Krankenpflege mehr als Herzenswärme und Mitleid verlangt, auch fundiertes Wissen und Erfahrung, weshalb sie am Krankenhaus von Salisbury praktische Krankenpflege erlernen wollte. Das war jedoch für ein Mädchen „ihres Standes“ keine passende Ausbildung, zumal Pflegerinnen im England jener Zeit in keinem sonderlich guten Ruf standen. Viele waren im Tross von Armeen Marketenderinnen oder Prostituierte; als Opfer erbärmlichster Unterkünfte, übertriebener Anforderungen und elender Bezahlung gab es Trinkerinnen, die von Kranken Geld erpressten. Florence Nightingale wusste dies alles. Auf Reisen besichtigte sie viele Krankenanstalten und war entsetzt über menschenunwürdige Zustände. In ungeheizten, düsteren und übelriechenden Räumen teilten sich oft zwei Kranke ein Bett!

 

1851 begegnete ihr die Ärztin Elizabeth Blackwell (1821 – 1910), die 1849 in Amerika promoviert hatte. In deren Beharrlichkeit um Zulassung zum Studium erblickte sie ein mutmachendes Vorbild. Sie wusste auch, dass der deutsche Gefängnisgeistliche Theodor Fliedner (1800 – 1864) in Kaiserswerth am Rhein ein Krankenhaus für die Ausbildung von Diakonissen gegründet hatte. Dort erwarb die nunmehr 29-jährige als freiwillige Helferin nicht nur Kenntnisse der karitativen Krankenpflege, sie erfuhr auch, wie ein Krankenhaus zu organisieren ist und Pflegekräfte fachlich fundiert und nachhaltig auszubilden sind. Dann machte sie sich mehrere Monate in Paris bei den katholischen Barmherzigen Schwestern mit deren Krankenbetreuung vertraut. Nach ihrer Heimkehr übernahm sie die Leitung eines Londoner Pflegeheims für verarmte invalide Gouvernanten, das sie schnell aus arger Verwahrlosung herausführte, denn Florence Nightingale erwies sich bereits hier als Organisations- und Finanzgenie!

 

Im September 1854 begann mit dem Angriff der Briten, Franzosen und Türken auf die Festung Sewastopol der Krimkrieg, der erste große Stellungskrieg der Weltgeschichte. Da die Russen die Hafenstadt mit zäher Verbissenheit verteidigten, wurden ringsum Laufgräben ausgehoben, die sich bei Regen nicht nur in schlammige Kanäle verwandelten. In sie drang bald auch der überfließende Latrineninhalt von vielen tausenden Belagerern ein; Cholera und Typhus waren die Folge. Ohne Vorsichtsmaßnahmen wurden Verwundete und Seuchenkranke auf übervollen Schiffen nach Scutari (einer Vorstadt von Konstantinopel) gebracht, wo es an Ärzten, Pflegern und Material mangelte. Leo Tolstoi, der als Offizier die Belagerung miterlebte, hat das Elend damaliger Verbandsplätze in seinen „Sewastopoler Erzählungen“ geschildert.

 

Zur gleichen Zeit wurde London von einer Choleraepidemie heimgesucht, während der Florence Nightingale in den Armenspitälern als selbstlose Helferin und „Engel der Barmherzigkeit“ auffiel. Kriegsminister Sidney Herbert, ein Freund der Familie Nightingale, betraute in dieser für England doppelt verzweifelten Situation die junge Frau gegen viele Widerstände mit der Aufsicht des „ganzen Sanitätswesens hinter der Front an der Krim“. Als Florence Nightingale mit 38 von ihr ausgewählten Pflegerinnen im November 1854 im Hauptlazarett des britischen Expeditionskorps in Scutari ankam, traf sie auf eine „Hölle von Seuchen, Schmutz, Ungeziefer, Trunksucht und administrativer Hilflosigkeit“. Gegen alle Vorurteile und Widerstände der Ärzte und Beamten organisierte sie – um eine Verschleppung von Infektionskrankheiten innerhalb des Lazaretts zu vermeiden – sofort die räumliche Trennung von Verwundeten und Seuchenkranken. In kürzester Zeit besorgte sie mit den ihr zur Verfügung stehenden und mit eigenen finanziellen Mitteln Küchen, Waschräume mit Zinkwannen, Tische, Bänke, Stühle, Verbandsmaterial, Hemden, Seife, Mittel gegen Ungeziefer usw. Um sich durchsetzen zu können, wurde sie zur Generaloberin der weiblichen Krankenpflegeabteilung der Militärkrankenhäuser der Armee ernannt.

 

Von den 38 ausgewählten Pflegerinnen waren 22 den harten Anforderungen nicht gewachsen. Sie kehrten nach England zurück und wurden durch neue Kräfte ersetzt. Am Ende des Krieges unterstanden Florence Nightingale 125 hervorragend augebildete, konfessionsfreie Krankenpflegerinnen. Um schließlich auch wissenschaftlichen Ansprüchen zu genügen, erwarb sie aus eigenen Mitteln ein Haus für Sektionen, das sie völlig einrichtete. Aus dieser kleinen Anstalt entwickelte sich die Schule für Heeresmedizin.

 

In diesem Wagen inspizierte Florence Nightingale bei Kälte und Schnee, nur in Begleitung des Kutschers, die Verbandsplätze und gab ihre Anweisungen. Die Rückkehr von diesen Orten bei Nacht war ein gefährliches Wagnis in unebenem Gelände.

 

Im Mai 1855 kontrollierte und versorgte die Nightingale mit ihrem legendären Wagen die vier britischen Lazarette in Balaclava (Krim); bei unbefahrbaren Wegen war sie auf dem Rücken ihres Pferdes unterwegs.

 

Nach Friedensschluss überwachte Miss Nightingale die Auflösung aller britischen Hospitäler auf der Krim und des Feldlazaretts in Skutari. Im August 1856 kehrte sie nach England zurück, wo inzwischen unter Vorsitz des Herzogs von Cambridge, eines Vetters von Königin Victoria, die Nightingale-Stiftung begründet worden war, die in kürzester Zeit £ 44.000 sammelte. 1860 nahm die erste Nightingale-Schule am St.-Thomas-Krankenhaus (damals in Southwark gelegen) ihre Tätigkeit auf.

 

Florence Nightingale gilt als Begründerin des modernen Krankenpflegeberufes, einer von konfessionellen Mutterhäusern unabhängigen, erwerbsmäßig ausgeübten Krankenpflege. Sie verstand es, die öffentliche Meinung davon zu überzeugen, dass die Krankenpflege eine Kunst ist und durch Schulen mit einer Höherwertung von Frauenarbeit auf den Stand eines gelernten Berufes mit definierter Laufbahn zu heben ist. Ihre „Ordnung der Ausbildung zur Krankenpflege“ war die unbedingte Forderung, die gesamte Leitung der Schwesternschaft in Erziehung und Unterricht aus den Händen von Männern in die einer Frau zu legen, die selbst eine ausgebildete und erfahrene Krankenschwester sein muss. – Florence Nightingale hat auch auf anderen Gebieten Großes vollbracht. Allein ihre fortschrittlichen Ideen über das Sanitätswesen oder die medizinische Statistik hätten ihr nachhaltige Bedeutung gesichert. Ihre zahlreichen Berichte, Protokolle und Flugschriften, ihr riesiger Briefwechsel mit Menschen in aller Welt und ihre vielen Bücher bedeuten Jahre unermüdlicher Arbeit. Ihr Stil ist von fesselnder Klarheit, oft verbunden mit einem beißenden Humor, und widerspiegelt ihre überwältigende Sachkenntnis. Sie war eine der hervorragendsten Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts und eine der herausragendsten Frauen aller Zeiten.

 

Als Ausdruck des Dankes für ihre Organisation der Verwundetenfürsorge trugen am 13. August 1910, gefolgt von tausenden Trauernden, sechs Sergeanten verschiedener britischer Garderegimenter die Hochbetagte zu Grabe. Ihr Ruhm reichte hin, ihr einen Platz in der Westminsterabtei zu sichern. Die Angehörigen jedoch lehnten dies im Sinne der Verstorbenen ab, und so fand sie ihre letzte Ruhestätte neben Vater und Mutter auf dem Friedhof von East Wellow in der Nähe ihres alten Heims in Hampshire. Auf dem Grabstein ist zu lesen:

F. N. Born 1820 Died 1910.

Bild von Florence Nightingale


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