Die Rettung des Joseph Meister: Vor 100 Jahren impfte Louis Pasteur den ersten Menschen gegen Tollwut
Von Manfred P. Bläske
Louis Pasteur arbeitete bereits seit fünf Jahren an der Entwicklung eines Impfstoffes gegen Tollwut, als am 6. Juli 1885 eine verzweifelte Mutter aus dem Elsaß mit ihrem neunjährigen Sohn Joseph Meister zu ihm nach Paris kam. 48 Stunden zuvor war der Junge von einem tollwütigen Hund an zwölf Stellen seines Körpers gebissen worden. Der konsultierte Arzt wusste von den Forschungen Pasteurs und riet, sofort den Professor aufzusuchen;
er sei der Einzige, der eventuell helfen könne. Unter schweren seelischen Kämpfen entschloss sich Pasteur nach einer Beratung mit seinem Freund, dem Pathologen Edme Félix Alfred Vulpian und einem seiner jungen Mitarbeiter, dem Arzt Jacques Joseph Grancher, das bisher nur an Hunden erfolgreich Erprobte zu versuchen, ermutigt durch die Gewissheit des sonst grausamen Todes des Jungen. In der Nacht des selben Tages erhielt zum ersten Mal ein Mensch eine Einspritzung von abgeschwächtem Tollwutvirus – der Junge überlebte!
Louis Pasteur, geboren in Dôle am 27. Dezember 1822, der wohl bedeutendste französische Wissenschaftler, war 1885 längst weltberühmt. Mit seiner scharfsinnigen Entkräftung der „Urzeugung“ hatte er die Grundlage der Bakteriologie geschaffen, Schutzimpfungen gegen Hühnercholera, Milzbrand sowie den Rotlauf der Schweine entwickelt und durch diese Forschungen und Entdeckungen der Theorie der Infektionskrankheiten zum endgültigen Siege verholfen. Um 1880 begann er mit seinen legendären Forschungen über die Tollwut, gegen die einen Impfstoff zu finden sehr viel schwerer war als etwa beim Milzbrand, da der Erreger – ein Virus – mit dem Lichtmikroskop nicht sichtbar gemacht werden kann.
Pasteur gelang es dennoch, das Problem zu lösen. Er isolierte den Erreger und stellte fest, dass dieser vornehmlich die nervösen Zentralorgane befällt. Er behandelte Hunde mehrere Tage hindurch mit Injektionen von immer weniger abgeschwächten Viren und stellte nicht nur fest, dass die Tiere gegen den Biss eines tollwütigen Hundes immun wurden, sondern auch, dass die Krankheit noch während der relativ langen Inkubationszeit von drei bis sechs Wochen verhindert werden konnte.
Rund vier Monate nach der Rettung Joseph Meisters hatte Pasteur bereits mehrere Hundert Menschen gegen Tollwut geimpft, darunter auch den grauenhaft zugerichteten J. B. Jupille, dessen Denkmal heute als ein Symbol von Selbstaufopferung im Garten des Institut Pasteur steht: Dieser Junge warf sich, um die Flucht seiner fünf jüngeren Brüder zu decken, einem großen tollwütigen Hund entgegen und ertränkte ihn nach verzweifeltem Kampf in einem naheliegenden Bach.
Großes Aufsehen erregten mit ihren langen Pelzmänteln und Fellmützen 1886 in Paris die Russen von Smolensk, 19 Bauern, die ein tollwütiger Wolf angegrifffen und an den Händen und im Gesicht furchtbar zugerichtet hatte. Vom Zar veranlasst, waren sie mit einem Eilzug zu Pasteur geschickt worden. Weil bereits vierzehn Tage verstrichen waren und Infektionen durch tollwütige Wölfe besonders gefährlich sind, erhielten die Bauern den Impfstoff nicht nur einmal am Tag (wie bisher üblich), sondern morgens und abends. 16 Bauern konnten gerettet in ihre Heimat zurückkehren!
Pasteur, bereits seit 1882 Mitglied der Académie des Sciences, wurde durch die dramatischen Rettungen zum Nationalhelden, einem der populärsten und weltweit angesehensten Franzosen und als Wohltäter der Menschheit gefeiert. Nicht nur der Staat dankte mit der Aussetzung einer Leibrente; die Akademie beschloss einstimmig die Errichtung eines Instituts, das Pasteurs Namen tragen solle. Durch Aufrufe in den Zeitungen kamen bald über zweieinhalb Millionen Francs zusammen, und bereits am 14. November 1888 fand in Paris die Einweihung des Institut Pasteur statt. Es wurde zum Zentrum der Tollwutimpfbehandlung und zur allgemeinen Forschungsstätte für Infektionskrankheiten. In Frankreich und anderen Ländern wurden Tochterinstitute eröffnet, 1891 das Institut für Infektionskrankheiten in Berlin, das heutige Robert-Koch-Institut. 1887 erlitt Pasteur einen zweiten Schlaganfall, nach dem er nicht mehr richtig sprechen konnte. Seine Experimente setzte er jedoch bis zum Lebensende am 28. September 1895 fort.
Zu den Mitarbeitern des Instituts gehörte auch der Entdecker der Phagocyten und Mitbegründer der Immunbiologie Ilja Iljitsch Metschnikow. Pasteur hatte den in Russland politisch Verfolgten 1888 eingeladen – 28 Jahre, bis zu seinem Tod im Jahre 1916 wirkte er, zuletzt als stellvertretender Institutsdirektor, in Paris.
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