Medizin als Familienunternehmen
Im Rahmen der KBV Messe Versorgungsinnovationen vom 29. – 30. März war die KV Sachsen mit dem MVZ Kopfzentrum Leipzig in Berlin präsent. Es gab mehrere Gründe weshalb dieses Unternehmen als innovationsfreundlich und beispielhaft für die kassenärztliche Versorgung ausgewählt wurde. Zum einen zeigt das Kopfzentrum Leipzig, dass es möglich ist, auch ein größeres, klinikähnliches Unternehmen als Familienbetrieb zu führen. Hier wird demonstriert, welche Synergieeffekte bei fach- und auch standortübergreifenden Zusammenschlüssen möglich sind. Zum anderen zeigt das Kopfzentrum Leipzig auch, dass höchste medizinische Qualität und Innovationen in Deutschland nicht immer den Universitäten oder großen Kliniken der Maximalversorgung vorbehalten sein müssen. Mit über 40 Mitarbeitern, 5 Standorten und der Möglichkeit einer tagesklinischen chirurgischen Versorgung bietet das Kopfzentrum Leipzig eine vollständige integrierte Versorgung. Dabei kann das Unternehmen auf eine lange Geschichte zurückblicken, die lange vor der politischen Wende 1989 begann
Dr. Karl Werner Strauß hatte bis 1984 eine Zahnarztpraxis in Leipzig. Das prägte seinen Sohn Wolfram. Das Interesse an dem Arztberuf war geweckt. Es hatte auch den Vorteil, „nicht zu staatsnah tätig werden zu müssen“. Seit 1974 ist er Facharzt für HNO-Heilkunde. In der Universitäts-HNO-Klinik Leipzig und der Kreispoliklinik Delitzsch sammelte er erste praktische Berufserfahrungen. So stellte er fest, dass sich „in der Poliklinik niemand um die Hörschädigungen von Kindern kümmert“. Dr. Wolfram Strauß arbeitete sich deshalb auch in die Phoniatrie und Pädaudiologie ein, und erwarb darin 1995 seine zweiten Facharzttitel. Von seinem Vater wusste Wolfram Strauß, was medizinische Tätigkeit in eigener Niederlassung bedeutet, es ist die „Möglichkeit sich sein eigenes Umfeld zu schaffen“. Ende 1990 eröffnete er seine Einzelpraxis, 1993 tat es ihm seine Ehefrau Dr. Angelika Strauß, FÄ für Neurologie und Psychiatrie, gleich. Ab 1997 arbeiteten beide in einer Gemeinschaftspraxis.
Die Arztpraxis wurde aber zu keiner Zeit ein Rückzug aus der Gesellschaft. Dr. Wolfram Strauß engagiert sich über mehrere Wahlperioden als stellvertretender KV-Bezirksstellenchef und in den Berufsverbänden seiner beiden Facharztabschlüsse. Im Berufsverband Phoniatrie und Pädaudiologie war er „mehrere Jahre Bundesvorsitzender“.
„Die Ärzte müssen sich organisieren, wir brauchen Leute, die sich engagieren“, lautet sein Credo und so ist auch sein langjähriges Engagement in der ärztlichen Selbstverwaltung zu verstehen. Seit Gründung der KV war er bis 2004 Mitglied, danach Stellvertreter in der Vertreterversammlung. Er hat den Vorsitz im Zulassungsausschuss Leipzig und im Beratenden fachärztlichen Fachausschuss der KV inne. Zusätzlich steht er als Prüfer der Landesärztekammer für die Facharztbezeichnung Phoniatrie und Pädaudiologie und die Zusatzbezeichnung Allergologie zur Verfügung.
Um den ärztlichen Nachwuchs haben sich Straußens auch in der eigenen Familie gekümmert. Der jüngere Sohn Dr. Erik Strauß setzt als FA für Neurologie*, die „Familientradition“ fort, denn der Vater seiner Mutter hat einst die Neurochirurgie in Leipzig begründet. Jetzt wurde nach einer neuen Form des Familienbetriebs gesucht und 2006 das MVZ Kopfzentrum gegründet. Unter dem Begriff Kopfzentrum sind in Leipzig die Fachgebiete HNO, Phoniatrie und Pädaudiologie, Neurologie, Psychiatrie und Psychologie vereint.
Wolfram Strauss hat „immer gegen MVZ gewettert“, weil er „auch Polikliniken nicht gut fand“. Aber ärztlich in der konkreten familiären Konstellation geführt findet der nunmehrige Ärztliche Leiter diese neue Rechtsform „gut, es ist familiär; da wird auch bis 22 Uhr gearbeitet“. Die Geschäftsführung und die wirtschaftliche Leitung des Familienunternehmens übernimmt mit Anne Strauß ebenfalls die jüngere Generation der Familie. „Das ist eben die Lösung für die spezielle Konstellation“, begründet der Klinikketten skeptisch sehende Seniorchef den Weg in die neue Rechtsform. Praxiswachstum ist nicht zwingend, aber auch nicht schädlich. Der Begriff Investitionsstau in Arztpraxen fällt, ein Problem, dem sich die KVen aktuell angenommen haben. Es sind Möglichkeiten der Organisation und Finanzierung zu finden, die den aktuellen höheren medizinischen und gesetzlichen Anforderungen gerecht werden. Dazu gilt es, den Status Quo zu hinterfragen und sich beraten zu lassen. Die Hilfe kann bei Industrie und Banken, aber auch bei der eigenen KV angenommen werden. Die MVZs schaffen keine flächendeckende Versorgung auf dem Lande, aber „sie machen in einer Situation wie bei uns die Investitionen erträglich, die Unikliniken sind gestützt, die Niedergelassenen laufen dem Geld hinterher“. Zunehmend erweitern Kooperationen mit Industriepartnern die Möglichkeiten für Operationen im ambulanten Bereich. Partner des Kopfzentrums ist hier die Firma Karl Storz. Mit ihr hat die Ärztefamilie Strauß ein Organisationsmodell entwickelt, das auch für andere interessant sein kann.
Bei allen Schwierigkeiten und Zwängen der budgetierten Versorgung, die selbstverständlich auch das Kopfzen-trum Leipzig spürt, „macht sich eine solche Versorgungsstruktur gut“, wie es Dr. Strauß formuliert. Möglicherweise liegen gerade für hochspezialisierte und techniklastige Fächer in einer solchen Form der Kooperation interessante Alternativen zu großen und halbstaatlichen Kliniken. Das ist nicht neu, in vielen Ländern wie z.B. den USA oder dem mittleren Osten sind solche Konstruktionen seit Jahrzehnten selbstverständlich.
– Öffentlichkeitsarbeit/im –
* mit den Zusatzbezeichnungen Manuelle Therapie und Notfallmedizin

