Einfach umpflanzen?

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
es klingt zunächst logisch und gut: Kollegen, die sich in unterversorgten Gebieten niederlassen erhalten mehr Honorar als jene, die in überversorgten Gebieten tätig sind. Doch jubeln Sie nicht zu früh. Schauen Sie erst einmal auf die Seiten V – VII des Heftes:
In den aktuellen vom Landesausschuss erstellten Planungsblättern finden Sie überwiegend ein Ü, d.h. diese Planungsbereiche gelten als überversorgt. So haben wir in Sachsen 8 Augenärzte zuviel und auf der anderen Seite würde erst dann, wenn weitere 817 Hausärzte ohne Nachfolger ihre Praxen schließen, eine Unterversorgung auftreten. Schauen wir in unsere Wartezimmer, Terminbücher und auf die Beschwerden unserer Patienten, dass es im Ort keinen Arzt mehr gibt oder man Monate auf einen Termin warten muss, dann stimmen Theorie und Praxis einfach nicht überein.
Also: Ein Versorgungsgrad von über 110 % bedeutet Überversorgung. Als unterversorgt gilt ein Bereich aber erst, wenn weniger als 75 % der Anzahl von Hausärzten oder 50 % der Anzahl der Fachärzte im Vergleich zur Einwohner-Arzt-Relation von 1990 tätig sind. Hat hier jemand Mathematik schon in der Grundschule abgewählt oder soll wie vor mehr als 20 Jahren in unserem Land Mangel nur verdeckt und als Überfluss deklariert werden?
Schon seit über 2 Jahren bemühe ich mich nun um die Berücksichtigung der Altersstruktur der Bevölkerung, damit der zunehmende Behandlungsaufwand im höheren Lebensalter angemessen berücksichtigt werden kann (demographischer Faktor). Aber die Kassenseite hat es bis jetzt im Unterausschuss Bedarfsplanung des Gemeinsamen Bundesausschusses geschafft, eine solche Änderung der Bedarfsplanungsrichtlinie zumindest hinauszuschieben.
Ohne sich darum zu kümmern, dass die Verhältniszahlen der Bedarfsplanung nicht mehr zeitgemäß sind, hat nun der Erweiterte Bewertungsausschuss gegen die Stimmen der Ärzte auf der Grundlage dieser sehr fragwürdigen Prozentzahlen Zu- und Abschläge für die Bewertung beschlossen. Wie eingangs erwähnt, soll es für die Kollegen, die in unterversorgten Gebieten arbeiten, einen Bonus geben. Für jene aber, die in überversorgten Gebieten tätig sind (nicht nur für die, die sich in einem überversorgten Gebiet neu niederlassen!), gibt es einen Malus.
Was bedeutet das? Die Augenärzte im „überversorgten“ Planungsbereich Annaberg, in dem wir heute schon massive Versorgungsprobleme haben, sollen durch Abschläge in der Vergütung dort „weggeekelt“ werden. Glaubt man wirklich, mit diesem ökonomischen Hebel die Ärzte zu „überzeugen“, ihre Praxis zu schließen und in eine Region umzusiedeln, wo die Versorgungssituation noch schlechter ist? Kann man einen alten verwurzelten Baum wie auf unserem Titelbild einfach umpflanzen?
Natürlich ist es richtig, dass mehr Ärzte auch mehr Geld kosten. Die Kassen müssen selbstverständlich mit den Beiträgen ihrer Mitglieder sorgsam umgehen, sie dürfen aber auch nicht deren medizinische Versorgung gefährden. Die Abwanderung junger Mediziner und Absolventen ins Ausland oder in Bereiche außerhalb der kurativen Medizin zeigt, dass deren Arbeit woanders mehr geachtet und auch besser honoriert wird. Deshalb gilt:
1. Bonus ja, Malus nein.
2. Wenn 110 % die Grenze zur Überversorgung ist, muss die zur Unterversorgung bei 90 % liegen. Wenigstens diese Dinge müssen dringend angepasst werden! Auch eine Berücksichtigung der Morbidität bzw. zumindest der demografischen Veränderungen ist längst überfällig.
Apropos anstehende Aufgaben:
Wir gratulieren herzlich unserem neuen Bundesgesundheitsminister Dr. med. Philipp Rösler und seinen Parlamentarischen Staatssekretären Annette Widmann-Mauz und Daniel Bahr zu ihrer Berufung. Das sind hoffnungsvolle Zeichen, wenn wir auch nicht verhehlen, dass im Koalitionsvertrag das Gesundheitswesen betreffend ambivalente Aussagen zu finden sind. Gehen wir die Probleme lösungsorientiert an. Alles, was die ambulante medizinische Versorgung erhält und verbessert, wird unsere Unterstützung finden. Dort aber, wo diese durch politische Entscheidungen gefährdet werden sollte, werden wir das auch gegenüber der neuen Regierung lautstark monieren.
Mit freundlichen kollegialen Grüßen
Ihr Vorstandsvorsitzender Klaus Heckemann
