Paul Fleming - Einer der größten Dichter des Barock

Von Manfred P. Bläske
Ein getreues Herze wissen
hat des höchsten Schatzes Preis.
Der ist selig zu begrüßen,
der ein treues Herze weiß.
Mir ist wohl bei höchstem Schmerze,
denn ich weiß ein treues Herze.
Im 19. Jahrhundert, in der Blütezeit des Poesiealbums, ist dieser Anfang eines sechsstrophigen Gedichts immer wieder zu Papier gebracht worden, um dem Stammbuchseigner tiefste Zuneigung und Dankbarkeit zu signalisieren. 1653 schrieb der sächsische Barockdichter Paul Fleming das Gedicht für seine Geliebte im fernen Reval, wenige Jahre vor seinem frühen Tod; er wurde nur 30 Jahre alt!
Als Sohn des Schulmeisters von Hartenstein im Erzgebirge, späteren Hof- und Stadtdiakonus und seiner Ehefrau Dorothea, ehemals Kammerfrau der Gemahlin des Grafen Hugo von Schönburg-Waldenburg, wurde Paul Fleming vor 400 Jahren, am 5. Oktober 1609 geboren. Nach erstem Unterricht beim Vater besuchte Paul zunächst die Schule in Mittweida, 1623 nahm ihn Kantor Johann Hermann Schein in die Leipziger Thomasschule auf, und 1628 begann er ein Philosophie- und Medizinstudium an der Alma mater lipsiensis.
Vier Jahre später wurde Fleming, der seinen persönlichen Stimmungen und seinem Erleben frühzeitig in Gedichten unmittelbaren Ausdruck zu geben vermochte, Baccalaureus der schönen Künste und 1633 artium et philosophiae Doctor; im Vorjahr war er in Wechselburg bereits zum kaiserlichen Poeta laureatus gekrönt worden. Ein älterer Studienfreund, Flemings kundiger Führer in der Medizin, machte ihn auch mit Martin Opitz (1597 – 1639) bekannt, der mit seinem Engagement für die Reinheit der deutschen Sprache und mit seinem „Buch von der deutschen Poeterey“ (1624) Fleming in seinem dichterischen Schaffen prägte.
Das Jahr 1633 brachte dem Leben des jungen Mediziners – Fleming hatte sein Studium mit dem Magistergrad beendet – eine entscheidende Wendung. In den Wirren des Dreißigjährigen Krieges hatten viele seiner Professoren und Kommilitonen das geschundene Leipzig inzwischen verlassen. Seine Geliebte war von der Pest hinweggerafft worden, und nun entriss ihm der Tod seinen väterlichen Freund Georg Gloger. Fleming ging nach Holstein, nachdem er von Adam Olearius, einem seiner Examinatoren, erfahren hatte, dass Herzog Friedrich III. zur Aufnahme von Handelsbeziehungen eine Reise nach Persien vorbereitete. Als Hofjunker, Truchsess und Arzt wurde Fleming Mitglied dieser Gesandtschaft.
Die Abenteuer und Erfahrungen der Reise, die am 6. November begann, waren Anlass für viele Gedichte auf Landschaften, Freunde und Begebenheiten, die in ihrer Unmittelbarkeit des Ausdrucks Fleming weit über die dichterischen Zeitgenossen – Paul Gerhardt ausgenommen – erhoben. Er präsentierte Lebensfülle, echte Empfindung, kräftige Sinnlichkeit (wie untenstehendes Gedicht beweist) und sprachliche Melodik, die in mehr als einhundert Jahren nach seinem Tode in der deutschen Poesie kaum wieder erreicht wurden.
In Reval (Tallin) lernte Fleming die drei Töchter des Kaufmanns Niehusen kennen, die fortan in seiner Dichtung eine große Rolle spielen. 1639 aus Isphahan zurückgekehrt, verlobte er sich mit Anna Niehusen. Um die ihm angebotene Stelle des Stadtphysicus von Reval antreten zu können, trennte er sich von der Gesandtschaft und ging nach Leyden, wo er mit einer Dissertation „de lue Venerea“ promovierte.
Am 7. März 1640 verließ Fleming Leyden, traf am 20. in Hamburg ein, um seine Reise nach Reval vorzubereiten. Eine Woche später erkrankte er an einer Lungenentzündung, dichtete in Erkenntnis seines baldigen Todes seine eigene Grabinschrift und starb am 2. April 1640.
Wie er wolle geküsset sein
Nirgends hin als auf den Mund:
da sinkts in des Herzen Grund;
nicht zu frei, nicht zu gezwungen,
nicht mit gar zu fauler Zungen.
Nicht zu wenig, nicht zu viel:
beides wird sonst Kinderspiel.
Nicht zu laut und nicht zu leise:
bei der Maß ist rechte Weise.
Nicht zu nahe, nicht zu weit:
dies macht Kummer, jenes Leid.
Nicht zu trucken, nicht zu feuchte,
wie Adonis Venus reichte.
Nicht zu harte, nicht zu weich,
bald zugleich, bald nicht zugleich.
Nicht zu langsam, nicht zu schnelle,
nicht ohn Unterscheid der Stelle.
Halb gebissen, halb gehaucht,
halb die Lippen eingetaucht,
nicht ohn Unterscheid der Zeiten,
mehr alleine denn bei Leuten.
Küsse nun ein jedermann,
wie er weiß, will, soll und kann!
Ich nur und die Liebste wissen,
wie wir uns recht sollen küssen.
