Begründer der berühmten spanischen Histologenschule: Vor 75 Jahren starb Santiago Ramón y Cajal

Von Manfred P. Bläske
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war Spanien ein ökonomisch schwaches, im Inneren zerrüttetes und außenpolitisch bedeutungsloses Land. Dem monarchischen System der Bourbonen stand eine schwache bürgerlich-republikanische Opposition gegenüber. Ein Krieg mit den USA führte zum Verlust der spanischen Flotte, und im Pariser Frieden von 1898 musste Spanien Kuba, Puerto Rico, Guam und die Philippinen abtreten. Das einst riesige Kolonialreich war zerfallen. Während in anderen europäischen Ländern die Wissenschaften einen gewaltigen Aufschwung erfuhren, blieben sie in Spanien durch einen zermürbenden Streit der Kirche und der Großgrundbesitzer um ihre ökonomische und ideologische Vormacht auf der Strecke. Vor diesem Hintergrund entfaltete sich das Leben eines großen Anatomen, der als erster Spanier im Jahre 1906 den Nobelpreis für Medizin erhielt.
Künstlerisch sehr begabt wollte der älteste Sohn des Wundarztes von Petilla de Aragón, einem kleinen abgelegenen Ort mitten in der Provinz Zaragoza, Maler wer-den. Doch der am 1. Mai 1852 geborene Santiago Ramón y Cajal sollte nach dem Willen des Vaters Medizin studieren. In einer bescheidenen Dorfschule erhielt Ramón ersten Unterricht; doch „mein eigentlicher Lehrer war mein Vater, der mir mancherlei Kenntnisse in Geschichte und Naturkunde, Rechnen und Grammatik, neben Lesen und Schreiben beibrachte. So konnte ich mit sechs Jahren geläufig lesen und schreiben.“ – Dass Ramón auch malte und zeichnete, entging dem Senior. 1868 folgte, beginnend mit der Osteologie, anatomischer Unterricht; das Material hierzu „holten wir gemeinsam heimlich des Nachts vom Friedhof“.
Wohl deshalb fesselten Cajal während seines Studiums an der medizinischen Fakultät von Zaragoza die Anatomie und der zelluläre Bau der Gewebe in besonderem Maße.
Nach dem Studium wurde er 1873 Militärarzt in Kuba, 1875 promovierte er in Madrid, blieb der Anatomie treu und schuf sich ein „mikrographisches Laboratorium“, den Ausgangspunkt seiner wissenschaftlichen Laufbahn. Hier benutzte er neue Methoden der Gewebe-Imprägnation; er vervollkommnete die Cohnheimsche Silbernitratmethode, führte die Nachvergoldung ein und verwendete als Erster Ammoniaksilbernitrat zur Färbung des peripheren Nervensystems.
Nun kam ihm auch seine künstlerische Begabung bei der Anfertigung von Lithographien nicht nur für erste wissenschaftliche Veröffentlichungen zugute; seine am Mikroskop akribisch gefertigten zahllosen histologischen Zeichnungen wurden bald in der ganzen Welt zum Inbegriff höchster wissenschaftlicher Sorgfalt.
Im Jahre 1877 wurde Cajal stellvertretender Professor, zwei Jahre später Leiter des anatomischen Museums in Zaragoza, 1884 – mit 32 Jahren – Professor der Anatomie an der Universität von Valencia, 1887 von Barzelona, und schließlich berief ihn die Madrider Universität als Professor für Histologie an ein Forschungsinstitut, an dem er seine bedeutendsten Arbeiten ausführte.
Mit seinen Untersuchungen des menschlichen Gehirns stellte er die seinerzeit noch sehr umstrittene Lehre von den Gehirnlokalisationen auf eine unerschütterliche histologische Grundlage; Cajals grundlegende Arbeiten zur Aufklärung der anatomischen und funktionellen Einheit des Neurons führten zu Vortragsreisen nach Deutschland, Italien, England und in die USA, wodurch es mit den damals namhaften Hirnforschern – Edinger, His, Waldeyer, Retzius u.a. – zu intensivstem Austausch kam. Der 72-jährige Würzburger Anatom Kölliker lernte noch Spanisch, um Cajals Arbeiten im Original lesen zu können, bevor der Leipziger Verlag J. A. Barth 1900 die „Studien über die Hirnrinde des Menschen“ in Deutsch herausbrachte. Der 1935 im ersten Band von Bumke-Foersters „Handbuch der Neurologie“ erschienene Beitrag Cajals über die Neuronenlehre fand ein weltweites Echo.
Im Jahr zuvor, am 17. Oktober 1934, starb Cajal hochgeehrt im Alter von 82 Jahren; bis zuletzt schrieb er wissenschaftliche und literarische Werke, insgesamt 270 bedeutende Einzelarbeiten und 18 Bücher.
