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Eine mit Gelächter quittierte Erfindung: Zum 150. Geburtstag von Carl Ludwig Schleich

Bildnis von Carl Ludwig Schleich

Von Manfred P. Bläske

 

 

Jahrestagungen großer medizinischer Gesellschaften sind von jeher nicht nur Podien des Erfahrungsaustausches, sie bieten zugleich auch Gelegenheit für die Mitteilung neuer, oft überraschender Entdeckungen oder kontroverser Ideen – vom Tagungsvorstand mit Vorbedacht meist an das Programmende gelegt – deren Erörterung im erlauchten Kreis der „Alten“ (die Annalen nennen Beispiele zuhauf) oft auf taube Ohren, Ablehnung oder gar Verunglimpfung stieß. Das bewies auch die 21. Tagung der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie vom Jahre 1892, die immerhin unter der Leitung von Adolf von Bardeleben (1819 – 1895), einem der Mitbegründer der Gesellschaft stand. Der 33-jährige Arzt Carl Ludwig Schleich hatte stolz und selbstbewusst eine epochale Erfindung vorgetragen; statt Anerkennung erntete er Protest, statt Ehrung Heiterkeit.

 

Schleich stammte aus Stettin, wo er am 19. Juli 1859 als Sohn eines Augenarztes geboren wurde. Nach dem Abitur am Stralsunder

Katharinen-Gymnasium studierte er Medizin in Zürich und Greifswald zuletzt in Berlin, wo er Famulus bei Bernhard von Langenbeck, Ernst von Bergmann und Rudolf Virchow war. 1887 promovierte Schleich in Greifswald, blieb dort als Assistent bis 1889 und praktizierte danach in eigener Praxis für Gynäkologie und Chirurgie in Berlin.

 

Während des o. g. Kongresses hatte Schleich über erste eigene Erfahrungen mit einem neuen örtlichen Betäubungsverfahren berichtet, das er

Infiltrationsanästhesie nannte. In seinem Resümee war er von eindeutigen Vorteilen gegenüber herkömmlichen Schmerzausschaltungsverfahren überzeugt und lehnte es ab, die Chloroformnarkose und andere Inhalationsverfahren anzuwenden, wenn nicht zuvor seine Methode versucht worden sei. „Operationen in Narkose auszuführen, welche sicherlich auch mit dieser oder einer ähnlichen Form der lokalen Anästhesie durchführbar gewesen wären, das muss ich vom Standpunkte der Humanität und dem der moralischen sowie strafrechtlichen Verantwortung des Chirurgen aus bei dem heutigen Stande der Infiltrationsanästhesie für durchaus unberechtigt erklären.“

 

Das waren harte Schlussworte; anfangs hatte Heiterkeit den Vortrag begleitet, nun empörte sich die versammelte Ärzteschaft, so dass Schleich vom Vorsitzenden des Saales verwiesen wurde. Sein Lehrer Ernst von Bergmann (1836 – 1907) bezeichnete später Schleichs Unterdrückung als einen „Schandfleck für die Chirurgie“ und dessen Leistung als „erste deutsche chirurgische Großtat überhaupt“.

 

Schleich war zeitlebens mit der Musik, der Dichtkunst und Malerei engstens verbunden; zu seinem Freundeskreis gehörten Richard Dehmel, Otto Julius Birnbaum und Otto Erich Hartleben ebenso wie Stanislaw Przybyszewski, der – als Schriftsteller und Pianist gleichermaßen begabt – auch Medizin studiert hatte. Im Kreis der Freunde, schreibt Schleich in seinen Lebenserinnerungen, habe er sich im Jahre 1890 in dessen anatomische Kollegienhefte „mit prachtvollen Details von Ganglienstrukturen“ vertieft, während Przybyszewski Chopin spielte. „Blitz, Himmel!“, habe er ausgerufen, „die Neuroglia ist ein Klaviersaitendämpfer!“. Und Schleich fährt fort, dass er in sein Institut geeilt sei, um in Gegenwart seines Assistenten Wittkowski innerhalb einer halben Stunde durch Selbstinjektionen verschiedener blutähnlicher Salzlösungen festzustellen, „dass Wasser ein Anästhetikum erster Klasse ist, nach vorheriger Reizung.

 

Dass diese Reizung ausschaltbar ist, wenn man 1/2 pro Mille Kochsalz zusetzt, und dass physiologische Kochsalzlösung das Gefühl lässt, wie es bei der Blutumspülung ist.“ Sehr bald geschah das eigentlich Entscheidende. „Setzte man der 1/2-pro-Mille-Kochsalzlösung Kokain zu, so ergab sich, dass alle Anästhetika ihre Wirksamkeit um das mehrtausendfache erhöhen, wenn sie in geeigneter Kochsalzlösung enthalten sind.“

 

Hunderten von Selbstversuchen folgten in seiner Praxis Amputationen, Trepanationen, Augennukleationen und die Entfernung von Unterleibs-

geschwülsten. Bei täglich zwölf und mehr Operationen überzeugten sich viele, auch ausländische Kollegen von der Wirksamkeit seiner Methode. – Zwei Jahre später fand der Chirurgenkongress statt; veröffentlicht hatte Schleich bis dahin nichts! Was Wunder, wenn sein Vortrag wie eine Bombe einschlug, sich viele von ihm abwandten und sich wenige für ihn einsetzten. Doch durch Vermittlung von Freunden erschien 1894 bei Springer in Berlin seine Monographie „Schmerzlose Operationen“, die bis 1906 in mehreren Auflagen erschien und für das neue Verfahren den Durchbruch brachte. 1899 folgte die Ernennung zum Professor und die Ehrung durch den Titel Geheimrat.

 

Schleich war einer der ersten die forderten, Narkosen ausschließlich von Fachleuten durchführen zu lassen und im deutschsprachigen Raum einen Qualifikationsnachweis für alle Ärzte verbindlich einzuführen, die Narkosen vornehmen. Trotz teils unhaltbarer Missstände auf dem Gebiet der Anästhesie zum Zeitpunkt, als Schleich seine Forderungen mit Nachdruck erhob, stand die Mehrheit der damals führenden Chirurgen einer derartigen Entwicklung ablehnend gegenüber.

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