Studienbeihilfe für Medizinstudenten kommt an der Basis an
In einer Pressekonferenz am 25. Mai wurde der praktische Start des Programms zur „Studienbeihilfe“ vorgestellt, wir berichteten im Juni-Heft darüber. Im Mittelpunkt der Veranstaltung standen Katja Jung, eine der ersten Studentinnen, die das Förderangebot angenommen hat und ihr Pate, der Facharzt für Allgemeinmedizin Dr. med. Rainer Arnold. Zu diesem Förderprogramm kam es, als in Sachsen die Erkenntnis gereift war, mehr tun zu müssen, als die bestehenden Regelungen wortgetreu umzusetzen.
Stiefmütterlich behandeltes Fach
Dr. Arnold sieht die Hauptgründe für den sich abzeichnenden Ärztemangel nicht nur in der Überalterung der Hausärzte, besonders in den ländlichen Gebieten. „Die inhaltlich lange Zeit vernachlässigte Allgemeinarztweiterbildung führte dazu, dass Studenten sich kaum für diese Weiterbildung nach dem Studium interessierten.
Dazu trägt auch bei, dass das Fach Allgemeinmedizin an Hochschulen entweder nicht gelehrt wird oder nur ein „stiefmütterliches“ Dasein führt. Die „gefühlte“ Wertigkeit der Allgemeinmedizin bei potenziellen Facharztkandidaten ist gering, da kaum Kenntnisse über die Vielfalt und Möglichkeiten der Tätigkeit eines Allgemeinmediziners bestehen.“
Obwohl der Muldentalkreis gemäß Bedarfsplanung überversorgt ist, sind die Hausarztpraxen im Umfeld der „Arnoldschen Praxis“ in Beucha hoch frequentiert. Viele Hausärzte in der Region haben eine volle Zulassung und arbeiten altersbedingt am Limit.
Erfrischende Jugend
Dr. Arnold hat sich nicht nur wegen der, wie er es nennt, „edlen Ziele“ für eine Praxispatenschaft beworben. „Es ist es auch erfrischend für mich und die Praxismitarbeiter, die ja auch z. B. im Labor und bei technischen Untersuchungen die Studenten anleiten, mit jungen Menschen zu arbeiten.“
Der 45-jährige Allgemeinmediziner sucht keinen eigenen Nachfolger, wohl aber Unterstützung in seiner Praxis. Seit fast zwei Jahren bildet er eine Weiterbildungsassistentin aus, die ab 2010 mit ihm in Gemeinschaft arbeiten wird. Die Suche nach einer „fertigen“ Ärztin/Arzt war zuvor erfolglos.
Nicht ohne Grund engagiert sich Dr. Arnold als Lehrarzt für Allgemeinmedizin in der Medizin-Ausbildung an der Uni Leipzig. Um mehr Student(inn)en zu motivieren, in Sachsen hausärztlich tätig zu werden, fordert Dr. Arnold, die allgemeinmedizinische Lehre an den Unis deutlich zu verbessern und diese mit viel Praxistätigkeit der Studenten in den Hausarztpraxen zu bereichern.
Katjas Traum
Eine der drei „Förderstudentinnen“ in der Praxis von Dr. Arnold ist Katja Jung. Ärztin zu werden war bereits ihr Kindheitstraum. „Das Medizinstudium bietet eine enorm große Auswahl an späteren Berufsmöglichkeiten. Die Aussicht auf ein selbstständiges Arbeiten erachte ich als wichtig. In meinen Praktika wurden meine Erwartungen eines abwechslungsreichen, verantwortungsvollen und menschenbezogenen Berufs bisher erfüllt.“
Warum hat sich Katja Jung für die Allgemeinmedizin entschieden? „Ich denke, dass ich als Hausärztin meinen Erwartungen an meinen späteren Arbeitsalltag am ehesten gerecht werden kann. Mich reizt die Selbstständigkeit in Verbindung mit einem überschaubaren, vertrauten Team. Die Nähe, Konstanz und Vertrautheit zu den Patienten und die Diversität im Patientengut selbst. Die Mischung aus Büro, Praxis, Hausbesuch und gelegentlichem Notfall. Sowie die medizinische Vielfalt und die hohe Verantwortung.“
Ihre Entscheidung für Sachsen ist rein emotional. „Ich bin in Leipzig geboren, aufgewachsen und habe hier studiert. Ich fühle mich meiner sächsischen Heimat sehr verbunden und fühle mich hier wohl. Ich denke dass man als ,Einheimischer` auch einen besseren Zugang zu den Patienten, insbesondere auf dem Land, hat.“
Die Reaktion von Kommilitonen auf ihren Tätigkeitswunsch ist oft negativ, meist ist sie eine Mischung aus Unverständnis und Herabwürdigung. „Nicht selten wird man belächelt, ob der Tatsache ,nur`Hausärztin werden zu wollen. Einen deutlichen Kontrast dazu bilden erfahrenere Ärzte, die oft gegenteilig, also interessiert und würdigend, reagieren.“
Katja Jungs Plädoyer
Katja Jung setzt bei der Frage, was aus ihrer Sicht noch mehr Student(inn)en dazu bringen könnte, in Sachsen hausärztlich tätig zu werden beim Image der Tätigkeit an. „Der Ruf der Allgemeinmedizin/ hausärztlichen Tätigkeit müsste sich nahezu grundlegend ändern.“ Dann gibt sie ein interessantes Plädoyer für ihre Ausbildung ab:
„Die große Bedeutung der Hausärzte im Gesundheitssystem spiegelt sich im Studium nicht wieder. Da die Allgemeinmedizin nicht an allen deutschen/ europäischen Universitäten in vergleichbarem Maße integriert ist, wird sie oft als zusätzliches prüfungsrelevantes und damit belastendes Fach erlebt. Es braucht motiviertes und motivierendes Lehrpersonal, das mit beiden Füßen in der Praxis steht, die Berufsbegeisterung nicht verloren hat und diese auch auf angehende Mediziner zu übertragen vermag. Mindestens genauso wichtig ist es, die Zusammenarbeit zwischen Kliniken und ambulanter Versorgung im Sinne des Patienten zu verbessern. Dazu gehört die Möglichkeit eines gegenseitigen Fehlereingeständnisses, anstatt einer Fehlerverschiebung von einer zur anderen Seite. Eine frühe Integration der Allgemeinmedizin ins Studium, besonders im Sinne von Praktika, halte ich für wichtig. Schließlich entwickelt man für ungesehene Dinge schwieriger eine Begeisterung als für erlebte Inhalte.“
– Öffentlichkeitsarbeit/im –
