Mori Ôgai - „Lessing Japans“ und Präsident der Kunstakademie

Von Manfred P. Bläske
Vor wenigen Wochen, am 20. April, wurde in Leipzigs weltweit bekanntem „Auerbachs Keller“ in Gegenwart des Kulturattachés der Japanischen Botschaft und vor den Kameras des japanischen Fernsehens ein großformatiges Wandgemälde des Tübke-Schülers Volker Pohlenz enthüllt. Es trägt den Titel „Mori Ôgai erinnert sich an den 27. Dezember 1885 in Auerbachs Keller“ und ehrt einen Mann, den in Japan jeder Gebildete als einen der klarsten, gedankenreichsten und formvollendetsten Schriftsteller und Kritiker seiner Zeit und als Übersetzer von Goethes „Faust“ ins Japanische kennt.
Mori Ôgai wurde am 17. Februar 1862 als ältester Sohn einer seit dem 17. Jahrhundert genannten Hofarztfamilie Mori in der Residenzstadt Tsuwano im gleichnamigen kleinen westjapanischen Fürstentum geboren. Sein Vater war Leibarzt des Fürsten und hatte auf dessen Geheiß westliche Medizin studiert. Mit vier Jahren erhielt Ôgai Privatunterricht in Lesen und Schreiben, auch in Holländisch, der Brücke zu den westlichen Wissenschaften. Als Sohn eines Hofarztes und somit Angehöriger der Samuraischicht konnte er mit fünf Jahren die Hofakademie besuchen, wo neben nationaler Literatur, Hof- und Beamtenordnung, Mathematik, Militärkunde und Waffenkunst (Bogen, Schwert und Lanze) auch Medizin – ab 1849 die westlich orientierte Hollandmedizin – gelehrt wurden. Vom Literaturunterricht trug der sehr begabte Ôgai mehrere Prüfungspreise nach Hause.
1872 ließ sich der Vater in Tokyo nieder, und der Sohn besuchte eine Sprachschule, in der er für das ihm vorbestimmte Medizinstudium Deutsch lernte, denn Deutsch war, als Ôgai sein eigentliches Medizinstudium aufnahm, Kommunikationssprache dieses Faches. Er wohnte bei seinem Onkel Nishi Amane (1829 – 1897), dem Begründer der modernen japanischen Philosophie und Vermittler westlichen Gedankengutes.
Weil Ôgai nach seinem Examen 1881 das erhoffte Deutschlandstipendium nicht erhielt, ließ er sich als Militärarzt mit der Fachrichtung Hygiene einstellen; drei Jahre später jedoch wurde er von der am preußischen Militäraufbau orientierten Heeresverwaltung zum preußischen Heer kommandiert.
Im Oktober 1884 traf der junge Leutnant in Berlin ein, erhielt Richtlinien für seinen Aufenthalt, der sich nun auf das Hygienestudium an der Universität konzentrierte: in Leipzig, wo er in der Talstraße wohnte, bei Franz Hoffmann, in Dresden bei einem Winterkurs für sächsische Sanitätsärzte, in München bei Max von Pettenkofer und abschließend in Berlin bei Robert Koch.
Großartig und erhaben dünken mich „Goethes sämtliche Werke“. Wer kommt und teilt mit mir mein Vergnügen?, schrieb Ôgai im August 1885 in sein „Deutschlandtagebuch“. Wohl hatte ihn bereits sein Onkel mit Nachdruck auf den deutschen Dichterfürsten aufmerksam gemacht, sicher waren es aber auch seine deutschen Lehrer und sein neues Leipziger Umfeld, denn Goethe war selbstverständliches Bildungsgut der deutschen Intellektuellen. Kurz nach seiner Ankunft in Leipzig hatte er deshalb die fünfundvierzigbändige Reclam-Ausgabe von Goethes Sämtlichen Werken nicht nur erworben, sie wurde für Ôgai – die vielen Randnotizen in deutscher und japanischer Schrift sind dafür Beleg – zum Gegenstand intensivsten Studiums.
Der namhafte Philosoph Inoue Tetsujirô [Sonken] (1855-1944) hatte von 1884 bis 1890 in Heidelberg studiert und sich mit frühen schriftstellerischen Arbeiten Ôgais befasst. Um sich kennenzulernen, trafen sich beide – Ôgai lebte inzwischen in Dresden – zu Weihnachten 1885 in Leipzig, wo es zu jener Begegnung in „Auerbachs Keller“ kam, die Volker Pohlenz zum Anlass oben genannten Gemäldes nahm. Unterm 27. Dezember 1885 notierte Ôgai, dass auch darüber gesprochen worden sei, wie man den „Faust“ übersetzen könnte, und dass ihm Sonken vorgeschlagen habe „es doch einmal zu versuchen. Aus Spaß willigte ich ein.“ Bereits zu Beginn des neuen Jahres begann Ôgai mit der ihn zunehmend begeisternden Arbeit, die in der ersten vollständigen japanischen Faust-Übersetzung gipfelte, die 1913 in Tokyo erschien.
Ôgai gewann tiefe Einblicke in die europäische, besondere deutsche Denk- und Lebensweise, die ihn zu den in Japan sehr beliebten „drei deutschen Novellen“ veranlasste. Die Gesamtausgabe seiner Schriften enthält darüber hinaus zahlreiche Übersetzungen der Werke von Schiller, E.T.A. Hoffmann, Kleist, Lessing und anderer; wegen seiner Verdienste um die Entwicklung einer modernen japanischen Literatur wurde Ôgai später als „Lessing Japans“ bezeichnet.
Im September 1888 kehrte Ôgai nach Japan zurück, lehrte an der militärärztlichen Akademie und wurde 1907 als Generaloberstabsarzt Chef des Sanitätscorps des Heeres und bis zu seinem Ausscheiden Chef der Verwaltung für Militärhygiene. Weiter im Staatsdienst wirkte er ab 1917 als Direktor des Kaiserlichen Hofmuseums und als Präsident der Reichsakademie der Künste.
An den Folgen einer Nierenschrumpfung verstarb der Sechzigjährige am 9. Juli 1922.
