Widerhall aus dem Brustkorb: Vor 200 Jahren starb Joseph Leopold Auenbrugger, Edler von Auenbrugg

Von Manfred P. Bläske
„Inventum novum ex percussione thoracis humani, ut signo, abstrusos interni pectoris morbos detegendi“ lautet der etwas umständliche Titel einer 1761 erschienenen, rund 100 Seiten umfassenden Schrift. Zu Deutsch: „Neue Erfindung, um durch Beklopfen des menschlichen Brustkorbes Zeichen zur Erkennung verborgener Krankheiten der Brusthöhle zu gewinnen“. Verfasser war ein Arzt am Spanischen Hospital in Wien, Sohn eines Gastwirtes, und es wird berichtet, dass der Filius dem Vater einst dabei zugeschaut und vor allem wohl zugehört habe, wie dieser seine Weinfässer beklopfte, um aus unterschiedlichen Tönen zu schließen, wie viel Wein sich noch in den Fässern befände.
Joseph Leopold Auenbrugger wurde am 19. November 1722 in Graz geboren. Nach dem Abitur studierte er in Wien Medizin. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts erlangte die „Wiener Schule“ und ihre Klinik einen weitverbreiteten Ruf, der sich insbesondere auf die Tätigkeit der beiden namhaften holländischen Ärzte Gerhard van Swieten (1700 – 1772) und Anton de Haen (1704 – 1772) begründete. Beide waren Schüler des großen Hermann Boerhaave (1668 – 1738), der an der Universität in Leiden als „Lehrer von ganz Europa“ wirkte, wie sein Schüler Albrecht von Haller*) einmal gesagt hat. In diese bedeutende Epoche fallen Auenbruggers Wirken und seine Erfindung der Perkussion.
Nach dem Studium arbeitete Auenbrugger von 1751 bis 1762 erst als Secundar- dann als Primararzt am Spanischen Hospital. Dort begann er mit seinen Versuchen, klopfte unmittelbar mit den Fingerspitzen (also noch nicht nach dem Finger-Finger- Verfahren) und unterschied recht bald „vom normalen klingenden Schall den helleren Ton, den dunkleren Ton und den fast erstickten Ton oder Fleischton“.
Damit kam er den heute definierten charakteristischen Klopfschallqualitäten erstaunlich nahe. Bekanntlich erlernen musikalische Medizinstudenten sowohl die Perkussion als auch die Auskultation schneller als andere, und es ist sicher kein Zufall, dass Auenbrugger ein großer Musikfreund war, in dessen Elternhaus nicht nur viel musiziert wurde. Er schrieb auch das Libretto zu einer Oper, die immerhin Antonio Salieri, Lehrer von Beethoven, Schubert und Liszt, vertonte.
Noch entwickelte sich im 18. Jahrhundert die neue pathologische Anatomie in ihren Anfängen, für die meisten Ärzte waren Krankheiten Allgemeinerkrankungen, der lokale Befund ein Nebenbefund. Wie von Auenbrugger nicht anders erwartet, reagierten deshalb die Ärzte auf die Entdeckung recht unterschiedlich. Die einen hörten einfach nichts, die anderen wähnten in der Klopferei eine unnötige Belästigung der Patienten. Seine Lehrer, die führenden Köpfe der älteren Schule, van Swieten und de Haen übergingen seine Erfindung mit Stillschweigen, anerkennend dagegen äußerte sich Haller.
Immerhin muss die Schrift gefragt gewesen sein, sonst wäre sie zwei Jahre später nicht erneut aufgelegt worden. Und der Nachfolger de Haens in der Wiener Klinik, Maximilian Stoll (1742 – 1787), griff die Perkussion auf und demonstrierte sie seinen Studenten.
Dann erschien 1770 eine Übersetzung des „Inventum novum“ ins Französische, eine schlechte, denn der Übersetzer hatte selbst nie perkutiert und war von der Methode nicht überzeugt. Doch in Paris lebte zu dieser Zeit auch Jean Nicolas Corvisart (1755 – 1821), führender Vertreter einer pathologischen Anatomie der Herzkrankheiten, der als Begründer der medizinischen Klinik Frankreichs Anschluss an die Wiener Schule suchte, Stolls Werke übersetzte und dabei auf Auenbrugger stieß. Corvisart befasste sich systematisch mit der Anwendung und dem Ausbau der Perkussion am Krankenbett:
„Die Perkussion machte mir einen tiefen Eindruck, und ich glaube nicht, dass ich dieses Verfahren jemals außer acht gelassen hätte. Es hat mich nie getäuscht, so oft der Zustand der Kranken mir erlaubte, es vollständig anzuwenden. Und ich muss
offen gestehen, dass ich oft grobe Fehldiagnosen erlebt habe, nur weil man die Perkussion nicht kannte oder außer acht ließ.“ – Corvisart, der 1807 Leibarzt Napoleons wurde, schrieb 1808 eine neue französische Übersetzung mit einem ausführlichen Kommentar, und das Werk schwoll auf 440 Seiten an.
1762 hatte Auenbrugger das Spanische Hospital verlassen, um als vielbeschäftigter und beliebter Praktiker zu arbeiten. Kurz vor seinem Tode bekam er das umfangreiche Werk Corvisarts zu seiner größten Freude noch in die Hände. Nun konnte die neue Methode ihre ganze Fruchtbarkeit entfalten, denn inzwischen war auch die Klinik in vielen Ländern so weit, dass sie anatomisch dachte und in allen Fällen Symptome auf Organveränderungen zurückzuführen suchte.
Im Jahre 1784 war Auenbrugger vom Kaiser geadelt worden; er starb am 17. Mai 1809.
