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„Sein Ruff hat ganz Europa angefüllet …“ - Vor 275 Jahren starb Georg Ernst Stahl

Portrait von Stahl

Von Manfred P. Bläske

 

„Sein Ruff hat ganz Europa angefüllet und die Stahlianische Weise zu curiren, allenthalben bekannt gemachet. Nach Dänemark und Petersburg wurde er so viele hundert Meilenweges, zu gehen und die Souverains daselbsten gesund zu machen … ausgebethen und, an beyden Orten, reichlich belohnet. Und seit der Zeit, als er der Leib Medicus gewesen; hat man, bei dem Königl. Hause, keine Leichen gesehen. Ja als er sich noch allhier befunden, hat ein gewisser Fürst gesaget: hier möchte man mit Lust kranck werden, weil die Stahlische Curen, so lange es die Natur nur litte, dem Tode wiederstünden.“

 

Der gewisse Fürst erfreute sich wohl angemessenen Allgemeinbefindens, und seine gelegentlichen Beschwerden waren mit Lust und der Natur Hilfe zu kurieren. Zudem stammen obige Worte dem in Berlin kurz nach Stahls Tod erschienenen Nachruf; Pathos war somit legitim. Dennoch, der Verschiedene war weit mehr als ein erfolgreicher Leib Medicus.

 

Georg Ernst Stahl wurde am 21. Oktober 1659 als Sohn eines Assessors beim Anhalt-Brandenburgischen Kirchenkonsistorium im mittelfränkischen Ansbach geboren. Nach dem Besuch des Gymnasiums studierte er wie sein älterer Bruder (der später praktischer Arzt in Weimar wurde) Medizin an der Universität Jena. Hier fand Stahl hervorragende Lehrer, wie den Begründer des anatomischen Theaters in Jena, Werner Rollfinck († 1673), der auch die Chemie vertrat und das chemische Laboratorium der Universität eingerichtet hatte, sowie Georg Wolfgang Wedel (1645 – 1721), der die auf Paracelsus zurückgehende „Iatrochemie“ lehrte. Jena stand also der physiologisch-chemischen wie auch der anatomisch-morphologischen Deutung des Lebendigen besonders aufgeschlossen gegenüber. Nach der Promotion 1684 habilitierte sich Stahl und hatte bald in Praxis und Vorlesung solchen Erfolg, dass ihn Herzog Johann Ernst 1687 als Leibarzt nach Weimar berief, wo er sechs Jahre wirkte und sich besten Rufes erfreute.

 

Auf Intervention seines Studienfreundes Friedrich Hoffmann, der 1693 als erster Professor an die neu gegründete Academia Friedericiana Halensis berufen worden war, kam Stahl als zweiter Vertreter der Medizin im Jahr darauf nach Halle. Er unterhielt sowohl zu Christian Thomasius (1655 – 1728), dem Mitbegründer der Universität und führenden Vertreter der Frühaufklärung, als auch zu August Hermann Francke (1663 – 1727), dem Begründer des hallischen Pietismus und der Franckeschen Stiftungen zu Halle a. d. Saale, enge Beziehungen und nahm deren Ideen auf. Für die Vermittlung des medizinischen Grundwissens mit Physiologie, Pathologie, Diätetik, Arzneimittellehre, Chemie und Botanik zuständig, bezog Stahl ein Jahresgehalt von 200 Talern; das erscheint wenig, doch es gab genügend zusätzliche Einnahmequellen. Ein gutes Geschäft war zweifelsohne die Herstellung der „Stahlschen Pillen“, die u.a. auch von der weit über die Stadt hinaus bekannten Waisenhaus-Apotheke im Kommissionshandel vertrieben wurden.

 

Berühmt wurde Stahl durch seine Theorie des Animismus, wonach eine unsterbliche Seele – ein vielschichtiges Gebilde, dem das unbewusste und das denkende Prinzip des Lebens angehören – für alle Vorgänge im Körper verantwortlich ist. Seele und Leib bilden eine Einheit. Seine oft geheim gehaltenen Arzneien, in denen er z.B. das Antimon verwendete, dienten der Aufgabe, der Seele bei ihrer heilenden Wirkung zu helfen, denn im Einfluss auf die Psyche sah Stahl die Hauptaufgabe des Arztes, womit er seiner Zeit weit vorausgeeilt war. Diesem System fühlten sich die Waisenhaus-Ärzte eng verbunden, zumal sie Stahl als verantwortungsbewussten Lehrer und Helfer am Krankenbett kannten. Stahl ist der Erste gewesen, dem Francke in seinen Anstalten „auf dem Waisenhause“ die mit Weisungsberechtigung verbundene Oberaufsicht über die Krankenstationen anvertraute. Und Stahl war es, der den in der Praxis noch wenig erfahrenen Anstaltsärzten bei der Einrichtung eines Versorgungs- krankenhauses beratend zur Seite stand, das wenig später zugleich als Lehrinstitut der Universität genutzt wurde.

 

Neben der Medizin befasste sich Stahl vor allem mit der Chemie, die er treffend als Wissenschaft definierte, „welche zusammengesetzte Stoffe zerlegt und einfache verbindet“. Sein wichtigster Beitrag zur Entwicklung der Chemie war die Phlogistontheorie, die er 1697 im dritten Band seines chemischen Hauptwerkes „Fundamenta Chimiae“ veröffentlichte. Nach dieser Theorie enthalten alle brennbaren Stoffe Phlogiston, ein „Prinzip“, auf dem ihre Brennbarkeit beruht und das beim Verbrennungsvorgang entweicht. Damit hatte sich Stahl einem Prozess genähert, der erst 75 Jahre später mit der Entdeckung der „Feuerluft“, des gasförmigen Sauerstoffs, durch Carl Wilhelm Scheele (1742 – 1786) als Oxidation erkannt werden sollte.

 

Ab 1715 wirkte Stahl als Leibarzt des preußischen Königs Friedrich Wilhelm I. am Berliner Hof. Als Präsident des Collegium medicum erwarb er sich Verdienste um die Organisation des Gesundheitswesens in Preußen, und ab 1723 war er wesentlich an der Gründung des zur Ausbildung von Militärärzten bestimmten Collegium medico-chirurgicum beteiligt.

 

Georg Ernst Stahl verstarb am 14. Mai 1734.

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