Vogel-Strauß-Politik

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
meine Vorstandskollegin Ulrike Schwäblein-Sprafke hatte schon im Editorial vom Juni 2007 das Thema Demografiefaktor in der Bedarfsplanung angesprochen:
Gleicher Aufwand für Jung und Alt? Jedes Kind versteht, dass ein altes Auto mehr Wartungsaufwand benötigt, als ein neues. Es bedarf wohl auch keiner hohen Graduierung, um zu begreifen, dass ein älterer Mensch mehr ärztliche Leistungen benötigt, als ein junger. So ist es nicht nachvollziehbar, dass bei der Bedarfsplanung der Demografiefaktor bislang keine Berücksichtigung fand.
Noch unverständlicher ist mir, dass es Kräfte im Gesundheitswesen gibt, die eine Einführung dieses Faktors vehement verhindern. So beschäftigte sich der Unterausschuss Bedarfsplanung des Gemeinsamen Bundesausschusses am 19. Januar 2009 in Siegburg auf Initiative der KV Sachsen mit der „Berücksichtigung eines demografischen Faktors bei der Festlegung der Verhältniszahlen“. Die KV Sachsen war die erste Körperschaft, die den Demographiebezug an dieser Stelle zur Sprache gebracht hat. Ich hatte die Gelegenheit, dem Gremium mein „Datenmodell zur ärztlichen Versorgung – demografieadjustierte Bedarfsplanung“ vorzustellen.
Im Protokoll steht, dass die Inhalte des Konzepts „von der Kassenseite grundsätzlich abgelehnt“ werden. Der Vertreter des vom BMG neu geschaffenen „GKV-Spitzenverbandes“ hatte erklärt, dass auf diese Weise ein Mangel an Ärzten dokumentiert werden würde, der ja dann doch nicht behoben werden könnte.
Lassen Sie sich das bitte auf der Zunge zergehen. Der Vogel Strauß steckt den Kopf in den Sand um das Problem nicht zu sehen. Die Kassen wollen nicht wahrhaben, was jeder weiß.
Das hat doch System. Förderprogramme bei drohender Unterversorgung, wie wir sie in Sachsen aufgelegt haben, können nur dort greifen, wo eben drohende Unterversorgung festgestellt wird. In der Öffentlichkeit wird dann der KV der schwarze Peter zugeschoben, denn deren „Zählweise“ oder „die von der KV präsentierten Zahlen“ entsprechen nicht der Realität.
Selbst unser sächsischer Staatminister für Umwelt und Landwirtschaft Frank Kupfer (CDU-Landtagsabgeordneter für den Wahlkreis Torgau-Oschatz) tappte zum Ärztestammtisch in Torgau in die kommunikative Falle, die KV habe den Demografiefaktor eben vergessen. Kassenvertreter suggerieren das den Medien und werden nicht müde zu betonen, dass die KVen ja den Sicherstellungsauftrag haben und eben jemanden in unterversorgte Gebiete schicken müssen. Dafür gibt es ja von den Kassen mit finanzierte Fördermittel, aber natürlich nur für unterversorgte Gebiete.
Ich kann die Patientenvertreter im Unterausschuss an dieser Stelle nur ermutigen, sich hier stärker einbringen, damit die Versorgung der Patienten gewahrt bleibt.
Den vermittelnden Vorschlag des Vorsitzenden Dr. Hess, den Demografiebezug nur bei den Fachärzten einzuführen, halten wir für einen faulen Kompromiss, der Kassenseite ging er schon zu weit. Der Termin für die nächste Sitzung wurde erst für den Mai anberaumt.
Ich befürchte, man wird hier auf Zeit spielen.
Es wird deutlich, die Kassen wollen nicht, dass die in den Praxen längst bekannten realen Lücken auch für den Gesetzgeber und die Öffentlichkeit deutlich sichtbar werden. Hier steckt nicht nur der Strauß seinen Kopf in den Sand, hier beißt sich auch die Katze in den Schwanz.
Mit freundlichen kollegialen Grüßen
Ihr Vorstandsvorsitzender Klaus Heckemann
