Peter Simon Pallas: Deutscher Forschungsreisender in Russland

Von Manfred P. Bläske
„Die Natur in einem ansehnlichen Teil des Weltkreises, wo sie der Mensch noch nicht verderbt hat, … erforscht und kennengelernt zu haben, halte ich gegen meine dabei verwandte Jugend und Gesundheit für die schönste Belohnung“, schrieb Pallas in seinem durch Lebendigkeit und Bildhaftigkeit geprägten, rund zweitausend Seiten umfassenden Bericht über seine Forschungsreise, die er in den Jahren 1768 bis 1774 nach Südrussland, in den Ural und in die unendlichen Weiten Sibiriens bis zum Baikalsee unternahm. Er entdeckte unter anderem „unbegreifliche Überbleibsel über ganz Sibirien verstreuter Elefantengebeine“, woraus er schloss, „dass Nordasien einmal warm gewesen sein müsse“. Damit wies er auf das Phänomen Eiszeit hin, das erst einhundert Jahre später Eingang in die Wissenschaft fand.
Peter Simon Pallas wurde am 22. September 1741 in Berlin als Sohn des Professors und ersten Wundarztes an der Charité, Simon Pallas, geboren. Der begabte Knabe wurde von Hauslehrern in Latein, Französisch und Englisch unterrichtet, und seine ausgeprägten naturwissenschaftlichen Interessen veranlassten den Vater, dem erst Dreizehnjährigen bereits den Besuch von Medizinvorlesungen am Collegium medico-chirurgicum der Charité zu gestatten. Während seines vierjährigen Studiums entwarf er eigene Klassifikationssysteme der Vögel und experimentierte, um die Metamorphose zu untersuchen, unter anderem mit Raupen.
Zum Studium der Mathematik und Physik ging Pallas anschließend nach Halle und Göttingen und mit neunzehn Jahren nach Leiden, um dort mit einer bahnbrechenden Arbeit auf dem Gebiet der Parasitologie zu promovieren. Er wies nach, dass Eingeweidewürmer nicht aus „verdorbenen Säften“, sondern aus Eiern entstehen, die der Wirt des Parasiten mit der Nahrung aufnimmt. Das war ebenso kühn wie seine Kritik an der bis dahin gültigen Linnéschen Klassifikation der Würmer. „Die Natur bindet sich nicht an gekünstelte Schulsysteme, … sie will beobachtet, nicht eingeschränkt sein“.
Selbstbewusste Worte eines jungen Mannes gegenüber dem wegen seiner Verdienste inzwischen geehrten Carl von Linné (1707 – 1778); sie wurden zum Motto seiner gesamten künftigen Arbeit. Um sich an ausländischen Hospitälern weiterzubilden, ging Pallas nach London und Oxford, wo zugleich weitere bedeutende zoologische Arbeiten erschienen, durch die er veranlasst wurde, die naturwissenschaftlichen Sammlungen des Erbstatthalters in Leiden zu ordnen. Hier lernte er auch den Botaniker Samuel Gottlieb Gmelin (1744 – 1774)*) kennen, der in Russland verstarb.
Wie diesen erreichte Pallas im Jahre 1767 überraschend ein Ruf in die russische Hauptstadt. Er wurde Adjunkt, kurz darauf Professor für Naturwissenschaften an der Petersburger Akademie der Wissenschaften und ein Jahr später Akademiemitglied und Kollegienassessor. Zarin Katharina II. ernannte Pallas 1768 zum Leiter der oben genannten Expedition, die „zum Nutzen des Reichs und zur Verbesserung der Wissenschaften“ alles untersuchen, beschreiben, malen, zeichnen und sammeln sollte, woran Staat und Akademie interessiert waren. Eine gewaltige Aufgabe, dessen war sich Pallas bewusst, doch bereits vor Beginn der Unternehmung bewies er überragende organisatorische Fähigkeiten, beginnend mit der Auswahl seiner Begleiter.
Den russischen Naturforscher und Mediziner Iwan I. Lepjochin, den schwedischen Professor der Medizin und Naturwissenschaften Johann Peter Falk (ein Schüler Linnés), den o. g. Samuel Gottlieb Gmelin, den Mediziner Johann Anton Güldenstädt aus Riga sowie sich selbst bestimmte Pallas zu Leitern von Teilexpeditionen. Unter dem Motto „die Reisenden sollen sich weder unnöthig aufhalten, noch an Merkwürdigkeiten vorbey eilen …“ formulierte er gemeinsame Arbeitsprinzipien und legte die Marschrouten fest.
Diese große Expedition und eine zweite Reise in den Jahren 1793 und 1794 erbrachten ein gewaltiges Material, mit dem er nicht nur Botanik und Zoologie, Geographie und Geologie um bedeutende Erkenntnisse erweiterte. Pallas hatte auch als erster Forscher eingehende Berichte über asiatische Völkerschaften nach Europa gebracht. Viele Veröffentlichungen sicherten ihm einen hervorragenden Platz in der Natur- und Erdforschung. Die Reise durch verschiedene Provinzen des Russischen Reichs ist jedoch jenes Werk, das uns den „so viel begabten Erforscher des Nördlichen Asiens“, wie ihn Alexander von Humboldt nannte, in seiner Vielfältigkeit vorstellt. Es wurde im 18. und 19. Jahrhundert zum Standardwerk der Naturgeschichte Russlands.
Wie Steller**) war Pallas ein Kind der Aufklärung. Sein Blick für die Härte der russischen Verwaltung in Sibirien war unbestechlich, und er ließ manches drucken, wozu andere nicht den Mut fanden. Seit 1795 lebte und arbeitete er in Simferopol auf der Krim; erst im Jahr vor seinem Tod kehrte er nach Berlin zurück. Peter Simon Pallas starb am 8. September 1811.
*) Neffe von Johann Georg Gmelin aus Tübingen, siehe: Georg Wilhelm Steller.
KVS-Mitteilungen Heft 3/2008, Seite 15
**) siehe: ebenda
