250. Geburtstag von Johann Christian Reil - Hirnanatom, Kliniker und glänzender Organisator

Von Manfred P. Bläske
„Auf dem Weg dahin begegnete mir ein ununterbrochener Zug von Verwundeten, die auf Schubkarren zusammengeschichtet lagen und einzeln ihre zerschossenen Glieder neben sich herschleppten. Noch sieben Tage nach der denkwürdigen Völkerschlacht wurden Menschen eingebracht, deren Leben nicht durch Verwundungen, noch durch Nachtfröste und Hunger zerstört worden waren. Unter 20.000 Kranken und Verwundeten hatte auch nicht ein Einziger ein Hemde, Decke oder Strohsack erhalten. Die Glieder sind furchtbar aufgelaufen, brandig, und liegen in allen Richtungen neben den Rümpfen. Amputationen wurden mit stumpfen Messern gemacht …“
Nur wenige Zeilen aus einem umfassenden und alarmierenden Bericht, über die grauenvolle Lage der Verwundeten nach der ersten Millionenschlacht der Geschichte; gerichtet an den Freiherrn vom Stein, geschrieben von Johann Christian Reil, der auf eigenes Drängen die Hauptleitung aller Lazarette in Leipzig und Halle erhalten hatte. Fast jeden Tag war er in beiden Orten. Furchtlos und selbstvergessen war er rastlos bemüht, Mängel zu beseitigen, übermenschliche Aufgaben zu bewältigen, bis er wie so viele ein Opfer des Typhus wurde. Am 22. November 1813 verstarb er in Halle im Haus seiner Schwester.
Der im Pfarrhaus zu Rhaude, einem Dorf in Ostfriesland, am 20. Februar 1759 geborene Johann Christian Reil zeigte frühe Neigungen zur Heilkunde, denn die vom Abiturienten öffentlich gehaltene in Alexandrinern verfasste Abschiedsrede gipfelte in einem „Lob der Medizin“. Zunächst bezog er die Universität Göttingen, aber der dort herrschende starre Dogmatismus sagte seiner Geistesart nicht zu, weshalb er sich bald nach Halle begab. Zu seinen Lehrern gehörten hier Philipp Friedrich Theodor
Meckel (1755 – 1803), der damals trotz seiner erst 25 Jahre bereits überaus geachtete große Anatom; er war nur vier Jahre älter als der Student Reil und hatte 1779 gerade sein Ordinariat angetreten, sowie Johann Friedrich Gottlieb Goldhagen (1742 – 1788), gleich tüchtig als Praktiker und Amtsarzt. Sein Naturalienkabinett wurde der Grundstock der Naturaliensammlung der Universität. Der Medizinischen Fakultät gehörte auch Johann Reinhold Forster (1729 – 1798) an, der wegen seiner Teilnahme an der zweiten Reise von James Cook berühmte Weltumsegler.
1782 fand Reils Promotion zum Dr. med. et chir. statt, anschließend absolvierte er in Berlin den „Cursus anatomicus“, als Voraussetzung zur Approbation in den preußischen Staaten. Als Hausarzt ließ er sich in Ostfriesland nieder, kehrte aber 1787 als Privatdozent nach Halle zurück. Der Tod seines Lehrers Goldhagen gab dem Schüler den Weg zu weiterem Aufstieg frei: Er wurde 1788 Ordinarius und Direktor des Klinischen Instituts. Bald war der tatkräftige und selbstbewusste Reil unbestrittener Wortführer der Fakultät. Die Themen seiner Vorlesungen umfassten die Physiologie, Diätetik, Hygiene, Pharmakologie und Gerichtsmedizin, die Pathologie, Chirurgie, Frauen- und Augenheilkunde sowie die Psychiatrie. Seine Manuskripte zeigen nie Spuren nachträglicher Überarbeitungen, abwägendes „Feilen“ lag ihm nicht. Als Amtsarzt setzte er sich in einer Weise für das Gemeinwohl ein, die manchem Kommunalpolitiker noch heute als Vorbild dienen könnte.
Der rastlose Reil, führender Kliniker und Physiologe seiner Zeit, betrieb morphologische Studien gleichsam nebenbei, um seine klinischen Beobachtungen anatomisch untermauern zu können. Umso erstaunlicher ist es, dass er unter den großen Hirnanatomen der damaligen Zeit mit Sicherheit derjenige war, der die meisten zeitlos gültigen Entdeckungen machte und deshalb als der eigentliche Begründer der modernen Hirnforschung zu betrachten ist; fast alle deutschen hirnanatomischen Bezeichnungen stammen von ihm. Darüber hinaus ist Reils Werk ein Markstein in der Geschichte der anatomischen Abbildungen. Seit der Renaissance hatte niemand so objektive und zugleich künstlerisch vorzügliche Zeichnungen geschaffen, die sich, als Kupferstiche überliefert, direkt an die Kunst eines Leonardo da Vinci anschließen. Zudem war Reil ein begnadeter Lehrer, der einen der größten Anatomen aller Zeiten, Johann Friedrich Meckel d. J.*), zum Wissenschaftler ausgebildet hat.
Im Februar 1810 wurde Reil durch Wilhelm von Humboldts Bemühungen für die neu zu gründende Berliner Friedrich-Wilhelm-Universität gewonnen, deren Medizinische Fakultät weitgehend nach Vorschlägen Reils entstand. Jedoch recht glücklich wurde er in der höfischen Welt nicht. So war der Unterschied zwischen dem kernigen Friesen Reil und Christoph Wilhelm Hufeland (1762 – 1836), dem einflussreichen und geschmeidigen Hofmann, sehr groß. Inzwischen verhinderte auch der Ernst der Zeit, großen Reilschen Plänen den Vorrang vor anderen aufsteigenden Problemen einzuräumen.
Es gelang ihm noch, Maßnahmen einzuleiten, deren Durchführung die Schaffung des „Roten Kreuzes“ vorweggenommen hätte, doch das Jahr 1813 veränderte und beendete das Leben des erst 54-Jährigen.
*) siehe Heft 10/2006, Seite 11
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